Viele Start-ups feilen jahrelang an einer Pro­dukt­idee, arbeiten ein Marketing-Konzept aus und stecken viel Geld in die Pro­duk­ti­on: Dann prä­sen­tie­ren sie das fertige End­pro­dukt den po­ten­zi­el­len Kunden. Reagiert die Ziel­grup­pe jedoch mit Des­in­ter­es­se, ver­schwin­det das junge Un­ter­neh­men schnell in der Ver­sen­kung. Denn ohne Umsatz lässt sich das in­ves­tier­te Geld nicht zu­rück­ge­win­nen. Wer sein gesamtes Vermögen in­ves­tiert hat, steht dann vor dem Ruin. Kluge Gründer gehen daher einen anderen Weg: Sie starten mit einem minimal funk­ti­ons­fä­hi­gen Produkt, dem so­ge­nann­ten Minimum Viable Product (MVP).

Was bedeutet MVP? Dabei handelt es sich um ein Produkt, das funk­ti­ons­fä­hig ist – nicht mehr und auch nicht weniger. Das klingt zunächst simpel, doch steckt ein klares Konzept dahinter. Frank Robinson, CEO der SyncDev In­cor­po­ra­ted, de­fi­nier­te den Begriff „Minimum Viable Product“ erstmals Anfang der Zwei­tau­sen­der. Innerhalb der Grün­der­sze­ne ver­brei­te­te sich das Konzept durch Bücher wie „The Lean Startup“ von Eric Ries. Das Minimum Viable Product ist eine zentrale Methode der Lean-Start-up-Phi­lo­so­phie. Wir erklären, wie Sie mit dem MVP bei minimalem Risiko den größten Nutzen aus Ihrer Pro­dukt­idee ziehen.

MVP: Bedeutung für die Pro­dukt­ent­wick­lung

Über ein Minimum Viable Product, im Deutschen oft auch als Mi­ni­mal­pro­dukt oder kleinst­mög­li­ches Produkt be­zeich­net, erfahren Sie, ob ein grund­sätz­li­ches Interesse am Produkt besteht und welche Wünsche die Ziel­grup­pe an das Produkt hat, ohne dass Sie bereits in der Ent­wick­lung Unsummen ausgeben. Leitsatz ist: Stecken Sie nicht viel Zeit und Mühe in ein Produkt, von dem Sie nicht wissen, ob es die Kunden annehmen werden. Statten Sie Ihr Produkt statt­des­sen nur mit den wich­tigs­ten Funk­tio­nen aus. Diese müssen rei­bungs­los laufen. Zu­sätz­li­che Features und Design-Elemente sind nicht er­for­der­lich. In der ersten Ent­wick­lungs­pha­se des Produkts geht es weniger um großen Umsatz. Mit dem MVP lernen Sie vielmehr von Ihren Kunden und können dadurch idea­ler­wei­se folgende Fragen be­ant­wor­ten:

  • Was sind die Grund­be­dürf­nis­se Ihrer Ziel­grup­pe?
  • Trifft die Pro­dukt­idee im Kern eine Markt­lü­cke oder ist sie für die Ziel­grup­pe un­in­ter­es­sant?
  • Welche Zusatz-Features vermissen die po­ten­zi­el­len Kunden?
  • Kann auf die be­stehen­de Grundidee aufgebaut werden oder muss sie mo­di­fi­ziert werden, um er­folg­reich zu sein?

Das MVP wurde zunächst über­wie­gend in Software-Ent­wick­ler-Teams genutzt. Bei der agilen Software-Ent­wick­lung mit Kanban oder Scrum setzen sie auf den so­ge­nann­ten Build-Measure-Learn-Feedback-Loop: einer Feed­back­schlei­fe aus Bauen-Messen-Lernen, bei im Rahmen der Pro­dukt­ent­wick­lung früh­zei­tig Kun­den­be­dürf­nis­se be­rück­sich­tigt werden.

Am Anfang steht das MVP, das die so­ge­nann­ten Early Adopters als erste nutzen. Als Ent­wick­ler sollten Sie im Vorfeld darauf hinweisen, dass es sich um ein ru­di­men­tä­res, aber funk­ti­ons­fä­hi­ges Produkt handelt. Bitten Sie außerdem um Feedback. Die Antworten können wertvolle Er­kennt­nis­se liefern. Setzen Sie auf kleine, all­mäh­li­che Än­de­run­gen. Hat Ihre Idee Mehrwert und Sie ent­wi­ckeln das Produkt zusammen mit Ihren Testern, wächst Ihr po­ten­zi­el­ler Kun­den­stamm mit jeder weiteren In­ves­ti­ti­on. Noch vor dem of­fi­zi­el­len Launch wissen Sie dank der Zu­sam­men­ar­beit mit den Kon­su­men­ten, was Ihre Kunden wirklich wollen.

De­fi­ni­ti­on: Minimum Viable Product

Das Minimum Viable Product, kurz MVP, ist das Produkt, welches mit kleinst­mög­li­chem Aufwand entsteht und gleich­zei­tig die wich­tigs­ten Funk­tio­nen und An­for­de­run­gen erfüllt. Im Kontext des Lean-Startup-Prinzips wenden Ent­wick­ler das Minimum Viable Product an, um ihr Produkt bei Kunden zu testen und kon­ti­nu­ier­lich zu ver­bes­sern.

Eric Ries, Begründer des Prinzips Lean-Start-up, be­schreibt Start-ups als Or­ga­ni­sa­tio­nen, die unter sehr un­si­che­ren Be­din­gun­gen etwas Neues er­schaf­fen wollen. Seiner Meinung nach muss man daher als Gründer ein Ma­nage­ment-Konzept ent­wi­ckeln, das sich den ständig neuen Ge­ge­ben­hei­ten anpassen kann. Das erfordert Krea­ti­vi­tät und Lern­be­reit­schaft.

Das Lean-Start-Konzept basiert auf mehreren Grund­prin­zi­pi­en. Eines davon ist „Build-Measure-Learn“ (Bauen, Messen, Lernen). Für diesen Bereich ist das Minimum Viable Product ein äußerst wichtiger Baustein. Um her­aus­zu­fin­den, ob man eine Idee bis zum Ende durch­zie­hen oder den Kurs wechseln sollte, nutzt man Feed­back­schlei­fen. In möglichst kurzen Abständen bauen Sie Ihr Produkt, messen die Kun­den­re­ak­tio­nen und lernen aus diesen. Zum einen erfahren Sie auf diese Weise, was den Kunden gefällt. Zum anderen lernen Sie, Ideen auf­zu­ge­ben, wenn kein Bedarf an Ihrer Pro­dukt­idee besteht. Das ist der Grund­ge­dan­ke hinter dem Minimum Viable Product.

Das Minimum Viable Product erklärt

Das Mi­ni­mal­pro­dukt steht am Anfang der Pro­dukt­ent­wick­lung, die Kun­den­feed­back be­rück­sich­tigt. Es ist al­ler­dings mehr als ein Prototyp, da die wich­tigs­ten Features funk­ti­ons­tüch­tig sein müssen. Es ist auch mehr als ein Stadium im Prozess. Es ist Ergebnis der richtigen Anwendung der Feed­back­schlei­fen-Methode.

In einer schnell ge­zeich­ne­ten Skizze stellte Hendrik Kniberg dar, inwiefern dieser Ansatz häufig falsch in­ter­pre­tiert bzw. genutzt wird. Die un­ten­ste­hen­de Skizze il­lus­triert einen Ent­wick­lungs­pro­zess, bei dem der MVP-Ansatz falsch umgesetzt wurde. Jedes Symbol steht, von links nach rechts, für eine Wei­ter­ent­wick­lung des Produkts, das auf den Markt kommt. Die Smileys darunter stellen die Kun­den­re­ak­ti­on dar. Das fertige Produkt ist ein Auto. Durch das Fahrzeug soll der Ent­wick­ler ein be­stimm­tes Bedürfnis des Kunden erfüllen.

Laut Kniberg ist das folgender Wunsch: „Ich will schnell und sicher von Punkt A nach Punkt B gelangen.“

MVP: Häufige Fehler

Das obige Bild ver­deut­licht, wie MVP häufig falsch ver­stan­den wird. Statt die Bauen-Messen-Lernen-Methode an­zu­wen­den, haben die Ent­wick­ler einen vor­ge­schrie­be­nen Weg: Am Ende soll ein Auto entstehen, das der Kunde liebt. Im Grunde verfolgen sie dabei den typischen Ansatz eines großen Produkt-Launches. Nach und nach fügen sie dem Produkt neue Funk­tio­nen hinzu, bis es voll funk­ti­ons­fä­hig ist. Sie testen nur intern. Än­de­run­gen erfolgen selten und wenn, dann im großen Stil. Sie setzen mit ihren Res­sour­cen alles auf eine Karte.

Die Grafik zur Pro­dukt­ein­füh­rung ohne MVP ähnelt im Verlauf der Pro­dukt­ent­wick­lung des ersten Beispiels. Erst am Ende der Kette entsteht ein nutzbares Produkt. Vorherige Wer­be­maß­nah­men sollen das Intereses der Kunden wecken. Je näher das Ver­öf­fent­li­chungs­da­tum rückt, desto mehr Auf­merk­sam­keit versucht das Marketing-Team zu ge­ne­rie­ren. Die Hoffnung des Pro­dukt­teams sind zu­frie­de­ne Kunden. Erfüllt das Produkt al­ler­dings nicht die durch die Werbung geweckten Er­war­tun­gen, fällt die Kun­den­re­ak­ti­on wahr­schein­lich negativ aus.

Das falsch ver­stan­de­ne Minimum Viable Product un­ter­schei­det sich von der Pro­dukt­ein­füh­rung ohne MVP insofern, dass die Ent­wick­ler dem Kunden bereits das erste Rad verkaufen wollen. Das be­frie­digt jedoch nicht die Be­dürf­nis­se der Kunden. Denn die wollen ja ein Fort­be­we­gungs­mit­tel. Auch die folgenden zwei Markt­ein­füh­run­gen beheben das Problem nicht. Sie bieten immer noch kein nutzbares Gefährt an. Of­fen­sicht­lich wurde auch nicht auf Kun­den­feed­back ein­ge­gan­gen. Sonst hätte die zweite Wie­der­ho­lung (das bloße Un­ter­ge­stell eines Autos) wahr­schein­lich zumindest einen Sitz oder Antrieb gehabt. Am Ende entsteht dann doch noch ein fertiges Produkt. Der fröhliche Smiley darunter dürfte aber eher die op­ti­mis­ti­schen Er­war­tun­gen der Ent­wick­ler dar­stel­len als die Realität. Denn als Start-up ohne Stamm­kun­den hätten die Ent­wick­ler der Ziel­grup­pe bei den ersten Markt­ein­füh­run­gen kein auch nur an­satz­wei­se zu­frie­den­stel­len­des Produkt geliefert. Im Nor­mal­fall warten Kon­su­men­ten dann nicht ab, ob ein Un­ter­neh­men eventuell beim vierten Versuch ein nutzbares Produkt auf den Markt bringt. Sie wenden sich vielmehr von dem Un­ter­neh­men ab.

MVP: So geht es richtig

Bei der Ent­wick­lung eines Minimum Viable Product sollten Sie sich auf die grund­le­gen­de Pro­dukt­idee besinnen und am Bedarf des Kunden ori­en­tie­ren: Wer vor­an­kom­men will, der braucht ein Gefährt. Für Start-up-Gründer ist es riskant, viel Geld und Zeit in ein Produkt zu in­ves­tie­ren, dass Kunden mög­li­cher­wei­se nicht in­ter­es­siert. Also testen Sie Ihre Pro­dukt­idee eines Fort­be­we­gungs­mit­tels mit einer möglichst kos­ten­güns­ti­gen Lösung. Das Skate­board im Bild ist bei­spiels­wei­se ein funk­ti­ons­fä­hi­ges Gefährt. Es bietet die grund­le­gen­de Funktion eines Fort­be­we­gungs­mit­tels.

In diesem Szenario hatten Sie eine Pro­dukt­idee. Diese setzen Sie mit einem Produkt um, das ver­hält­nis­mä­ßig geringe Ent­wick­lungs- bzw. Her­stel­lungs­kos­ten ver­ur­sacht. Einige Early Adopters und aus­ge­such­te Test­kun­den liefern Ihnen dann Feedback. Dieses Feedback be­rück­sich­ti­gen Sie bei der Anpassung/Wei­ter­ent­wick­lung des Produkts. Im Bild ist das ein Roller. Was lernen wir aus dem Feedback auf diese Ver­än­de­rung am Produkt?

  • Die Kunden nahmen die Grundidee (Fort­be­we­gungs­mit­tel mit Rollen) an.
  • Einige fühlten sich unsicher auf dem Skate­board.
  • Lenken und Bremsen fällt einigen schwer.
  • Indem Sie einen simplen Lenker mit Hand­brem­se anbauen, ver­bes­sern Sie Si­cher­heit, Komfort und Sta­bi­li­tät Ihres Produkts.

Über die nächsten Ent­wick­lungs­stu­fen ver­bes­sern Sie die Aus­füh­rung Ihrer Pro­dukt­idee: Mit dem Fahrrad sind Kunden mit weniger Aufwand schneller unterwegs als mit einem Skatboard. Denn sie treten in die Pedale und über­tra­gen ihre Kraft über eine Gang­schal­tung auf die Räder. Das Motorrad ist noch schneller und bequemer, da die Fahrer selbst keine Kraft mehr für die Be­schleu­ni­gung aufwenden müssen. Für den Komfort gibt es ein neues Feature: den Sitz.

Die Feed­back­schlei­fe un­ter­mau­ert die Grundidee „Kunden wollen sich schnell und sicher fort­be­we­gen.“ Deshalb ver­bes­sern Sie jedes Mal den Antrieb. Für die Ge­schwin­dig­keit ist es nicht wichtig, wie viele Räder das Gefährt besitzt. Das Motorrad erfüllt den Grund­ge­dan­ken – es ist schnell und bequem. Der Smiley darunter sym­bo­li­siert zu­frie­de­ne Nutzer. Dank Ihrer Test­kun­den haben Sie zu­sätz­li­che Al­lein­stel­lungs­kri­te­ri­en aus­ge­macht. Denn wer als Un­ter­neh­men auf dem Markt über­zeu­gen will, liefert mehr als ein nur funk­ti­ons­fä­hi­ges Produkt.

Im Bild sehen Sie als letztes Symbol dann ein Auto. Das grüne Auto (Abbildung zum falschen Ansatz) erfüllt die Kun­den­an­sprü­che Si­cher­heit und Ge­schwin­dig­keit. Es bietet darüber hinaus Platz für mehrere Personen. Das rosa Auto (Abbildung zum richtigen Ansatz) erfüllt die gleichen Kriterien.

Die Un­ter­schie­de lassen sich in der Grafik nicht komplett dar­stel­len: Ihre Kunden wollten mehr Ge­schwin­dig­keit. Deshalb achten Sie auf ein ae­ro­dy­na­mi­sches Design und bauen Sie einen Tur­bo­mo­tor ein. Das Feedback zeigt: Ihre Kunden wollen mehr Platz und Si­cher­heit, aber das Gefühl von Freiheit auf dem Motorrad wollen sie nicht missen. Also sta­bi­li­sie­ren Sie das Gefährt, indem es wieder vier Räder bekommt. Zu­sätz­lich bietet ein Auto im Vergleich zum Motorrad mehr Platz für Mitfahrer oder Gepäck. Mit ge­öff­ne­tem Verdeck können die Käufer das Som­mer­wet­ter genießen. Da Ihren Stamm­kun­den auch ein äs­the­ti­sches und in­di­vi­du­el­les Design wichtig ist, bringen Sie ein Produkt mit mehreren wählbaren La­ckie­run­gen und hoch­wer­ti­gen Armaturen heraus. Das Ergebnis:

  • Test­kun­den haben eine Beziehung zur Marke aufgebaut.
  • Kunden-Feedback liefert Daten, auf deren Basis Sie neue Ideen für das Produkt ent­wi­ckeln können.
  • Die aus diesen Daten re­sul­tie­ren­den Er­kennt­nis­se zeigen auf, ob die Grundidee bei­be­hal­ten oder verworfen werden sollte.
  • Menschen wollen etwas Neues, das aber nicht so sehr von Bekanntem abweicht, dass es fremd wirkt.
  • Ergo: Viele kleine Än­de­run­gen während der Ent­wick­lung erhöhen die Akzeptanz der Kunden, sich in der nächsten Iteration auf Neue­run­gen ein­zu­las­sen.
  • Das Minimum Viable Product benötigt weniger Res­sour­cen. Kleine Än­de­run­gen bringen weniger fi­nan­zi­el­le Risiken mit sich. Kunden ak­zep­tie­ren stu­fen­wei­sen Preis­an­stieg eher als große Sprünge.

Agile Pro­dukt­ent­wick­lung mit dem MVP

Das Minimum Viable Product ist ein Be­stand­teil der agilen Pro­dukt­ent­wick­lung. Während des Ent­wick­lungs­pro­zes­ses un­ter­liegt das Produkt ständiger Be­ur­tei­lung. Agile Pro­dukt­ent­wick­lung zeichnet sich also durch einen ver­än­der­ba­ren Prozess aus. Das heißt, dass das Ent­wick­ler­team jederzeit einen Kurs­wech­sel un­ter­neh­men kann. Das be­inhal­tet meist kleine An­pas­sun­gen. Das Konzept der agilen Pro­dukt­ent­wick­lung zeichnet sich durch folgende Ei­gen­schaf­ten aus:

  • Es ist iterativ, wie­der­holt sich also ständig.
  • Es ist in­kre­men­tell, ändert sich also schritt­wei­se.
  • Es spart Zeit und Res­sour­cen durch kurze Ent­wick­lungs­pha­sen.
  • Es erlaubt un­mit­tel­ba­re Re­ak­tio­nen.

Das Minimum Viable Product: Eine Frage der De­fi­ni­ti­on

Das Bauen-Messen-Lernen-Prinzip mit Feed­back­schlei­fe wenden nicht nur Start-ups an. Große Un­ter­neh­men re­du­zie­ren Risiken res­sour­cen­in­ten­si­ver Vorhaben ebenfalls durch agiles Pro­jekt­ma­nage­ment. Im Grunde ent­schei­den sich die Ansätze nur dadurch, dass große Un­ter­neh­men meist über einen be­stehen­den Kun­den­stamm und ein bekanntes Branding verfügen. Sie genießen daher im Gegensatz zu Start-ups einen Res­sour­cen- und Ver­trau­ens­vor­schuss. Wichtig für Start-ups ist, dass sie auch ein Minimum Viable Product gemäß aktueller Standards kon­zi­pie­ren. Denn die Kon­su­men­ten erwarten zumindest, dass ein Produkt seine we­sent­li­che Grund­funk­ti­on gut erfüllt.

Die Bedeutung und Ver­wen­dung des Begriffs „Minimum Viable Product“ hat sich mit der Zeit verändert. Da es in erster Linie darum geht, mit wenig Aufwand ein Produkt zu schaffen, das dem Kunden gefällt, passt der Begriff tat­säch­lich nicht in jedem Fall (denn bei harter Kon­kur­renz ist der Kunde eventuell mit bloßen Grund­funk­tio­nen nicht zu­frie­den­zu­stel­len). Einige Ma­nage­ment-Experten sprechen daher in­zwi­schen vom Minimum Awesome Product (minimal groß­ar­ti­ges Produkt) oder dem Minimum Lovable Product (minimal lie­bens­wer­tes Produkt).

Be­dürf­nis­py­ra­mi­den zeigen, welche Ansprüche ein Minimum Viable Product erfüllen muss. Damit ein Kunde ein Produkt kauft, muss es einen Bedarf be­frie­di­gen. Zunächst muss der Kunde also das Gefühl haben, dass ihm etwas fehlt. Sind die mensch­li­chen Grund­be­dürf­nis­se wie Nahrung, Schlaf und Ge­bor­gen­heit erfüllt, sehnen sich die meisten nach mehr – zum Beispiel nach An­er­ken­nung oder Luxus. Die Ansprüche an Produkte oder Dienst­leis­tun­gen lassen sich auch in solchen Be­dürf­nis­py­ra­mi­den dar­stel­len.

Die Be­dürf­nis­py­ra­mi­de in der Pro­dukt­ent­wick­lung

Ein Produkt soll den Be­dürf­nis­sen der Kunden ent­spre­chen. Damit das Produkt dem gerecht wird, muss es funk­ti­ons­fä­hig sein. Wer durstig ist, kauft sich eine Flasche Wasser. Dieses grund­le­gen­de Bedürfnis lässt sich leicht stillen. Man könnte daher annehmen, dass ein einziges Produkt den Markt abdecken kann. Im Grunde müsste es nicht einmal einen Markt geben, da man in Deutsch­land gefahrlos Lei­tungs­was­ser trinken kann.

Dennoch gibt es einen großen Markt mit un­ter­schied­li­chem Wasser (still oder mit Koh­len­säu­re, mit Früchten oder Tee versetzt), Flaschen (Glas, Plastik, ver­schie­de­ne Größen) und Ver­schlüs­sen (Kron­kor­ken, Schraub­ver­schlüs­se oder Sport­ver­schluss). Im Su­per­markt kann die Was­ser­ab­tei­lung leicht eine ganze Regalwand einnehmen. Jeder einzelne Anbieter versucht, ein Al­lein­stel­lungs­merk­mal zu finden und gleich­zei­tig Kun­den­be­dürf­nis­se zu be­frie­di­gen. Dafür wertet er eine Be­dürf­nis­py­ra­mi­de aus, die speziell die Ansprüche des Kunden an ein Produkt abbildet.

Nach der alten De­fi­ni­ti­on reichte es, dass ein Minimum Viable Product die Grund­be­dürf­nis­se der Kunden erfüllen konnte, damit man an deren Feedback die eigene Pro­dukt­idee prüfen konnte. Als Beispiel führen Vertreter dieses Ansatzes gerne den Streaming-Dienst Spotify an.

Das schwe­di­sche Un­ter­neh­men wurde 2006 zur Hochzeit der Mu­sik­pi­ra­te­rie gegründet. Damals luden viele User Musik illegal herunter – häufig von vi­ren­in­fi­zier­ten Websites. Lange La­de­zei­ten schmä­ler­ten das Mu­sik­ver­gnü­gen zu­sätz­lich. Spotify fand einen Weg, Musik als Stream an­zu­bie­ten und so La­de­zei­ten zu ver­rin­gern. Die Theorie: Menschen müssen Musik nicht unbedingt physisch besitzen, solange sie die Titel im Internet hören können. Spotifys Website sah 2008 noch sehr leer aus. Die Startpage bot lediglich einen Download-Link für die Beta-Version des Spotify-Players und erklärte den Dienst. Mit der Zeit wuchs das Angebot und bot immer mehr Funk­tio­nen.

Was die Ver­tei­di­ger des Konzepts eines minimal le­bens­fä­hi­gen Produktes in diesem Zu­sam­men­hang häufig nicht erwähnen:

  • Im Jahr 2006 waren sowohl In­ter­net­diens­te als auch Über­tra­gungs­ra­ten nicht so weit fort­ge­schrit­ten wie heute. Selbst für das Her­un­ter­la­den einfacher Grafiken benötigte man häufig Minuten.
  • Spotify war mit seiner Streaming-Idee ein Vorreiter, es gab praktisch keine Kon­kur­renz.
  • Zudem war Streaming für viele Kon­su­men­ten sehr viel bequemer als illegale Downloads, die teilweise Stunden an Zeit be­nö­tig­ten. Und Spotify war günstiger als die of­fi­zi­el­len Musik-Download-Platt­for­men, die für einen einzigen Song 1 bis 2 Euro ver­lang­ten.
  • Spotify er­wei­ter­te von sich aus seine Bi­blio­thek und ver­bes­ser­te den Al­go­rith­mus für die Mu­sik­aus­wahl.
  • Die Betreiber (ein sechs­köp­fi­ges Team) gingen schnell und effektiv auf Feh­ler­mel­dun­gen und Fragen ein.

Erst die Markt­ana­ly­se, dann das MVP

Dieses Beispiel zeigt: Ein Minimum Viable Product ist nicht unbedingt das Produkt, das man mit dem kleinst­mög­li­chen Aufwand pro­du­zie­ren und auf den Markt bringen kann. Bevor Sie Ihre Pro­dukt­idee umsetzen, ana­ly­sie­ren Sie die Markt­si­tua­ti­on:

  • Betreten Sie Neuland oder ist der Markt über­sät­tigt?
  • Welche Taktiken nutzen die Markt­füh­rer in dem Bereich, um an der Spitze zu bleiben? Ver­drän­gen sie Ein­stei­ger durch ähnliche Angebote, kaufen sie sie auf oder stechen sie Kon­kur­ren­ten tat­säch­lich durch In­no­va­tio­nen aus?
  • Erfüllt die Pro­dukt­idee ein Ni­schen­be­dürf­nis oder ein all­ge­mei­nes Bedürfnis?
  • Was sind in dem an­ge­streb­tem Markt­be­reich die be­lieb­tes­ten Produkte und warum? (Ästhetik, Preis, Komfort und Funk­tio­nen)
  • Welche Funk­tio­nen erwarten Kunden nor­ma­ler­wei­se/min­des­tens? (zum Beispiel einfaches Einloggen mit be­stehen­den Diensten wie Google und Facebook auf Gaming-Sites oder ABS und Kli­ma­an­la­ge bei einem Auto)

In einem eta­blier­ten Markt gelten bestimmte Regeln. Wer sich dort dauerhaft bewähren will, muss diese Regeln verstehen. Selbst dis­rup­ti­ve Ge­schäfts­mo­del­le ori­en­tie­ren sich im Kern an diesen Regeln.

Fakt

Dis­rup­ti­on ist der Begriff für eine plötz­li­che Markt­ent­wick­lung. Dabei tritt ein in­no­va­ti­ves Ge­schäfts­mo­dell auf den Markt und zerstört be­stehen­de Struk­tu­ren. So machten bei­spiels­wei­se Video-Streaming-Dienste physisch exis­tie­ren­de Vi­deo­the­ken weit­ge­hend obsolet.

Das Minimum Viable Product ist immer als Teil eines agilen Ent­wick­lungs­pro­zes­ses zu sehen. Zum einen müssen Sie genau planen, wie Sie Ihr Produkt gestalten, damit Sie später Fragen zu Ihrer Pro­dukt­idee be­ant­wor­ten können. Zum anderen sollten Sie Kunden etwas anbieten, dass eine in­no­va­ti­ve Pro­blem­lö­sung ver­spricht. Spotifys einfache Website war 2006 für mu­sik­be­geis­ter­te Erst­an­wen­der hin­nehm­bar. In Zeiten KI-ge­steu­er­ter Streaming-Dienste mit dy­na­mi­schen Webseiten und mobilen Downloads ginge sie höchst­wahr­schein­lich unter. Denn die Ansprüche sind gestiegen. So be­geis­tern Sie Early Adopters:

  • Wecken Sie Be­gehr­lich­keit durch (In­fluen­cer-)Posts auf sozialen Medien.
  • Durch nut­zer­freund­li­che Ge­stal­tung erhält Ihr MVP auf Ver­brau­cher­sei­ten positive Be­wer­tun­gen. Das wiederum weckt das Interesse neuer Kon­su­men­ten.
  • Heben Sie die Pro­dukt­idee in den Vor­der­grund.
  • Gutes Design erhöht die Be­gehr­lich­keit.

Wie bei der klas­si­schen Be­dürf­nis­py­ra­mi­de folgen die Ansprüche an ein Produkt ebenfalls einer Hier­ar­chie. Deshalb sollten Sie die meiste Energie in diese Aspekte stecken:

  • Funk­tio­na­li­tät
  • Zu­ver­läs­sig­keit
  • Nut­zer­freund­lich­keit

Wenn Sie Ihr Produkt als be­ein­dru­ckend und innovativ bewerben, es aber gerade einmal die er­war­te­ten Grund­funk­tio­nen abdeckt (wie in der linken Pyramide im Bild oben), ernten Sie vor­aus­sicht­lich den Spott der ersten Tester bzw. Kunden.

Die rechte Be­dürf­nis­py­ra­mi­de zeigt durch die violette Mar­kie­rung, wie Sie die ver­schie­de­nen Ansprüche an das Minimum Viable Product gewichten sollten. Werden sämtliche Er­war­tun­gen und Be­dürf­nis­se be­frie­digt (nicht jedoch über­trof­fen), spricht man dann von einem Minimum Awesome Product. Im Bauen-Messen-Lernen-Prozess wächst der violette Bereich innerhalb der Be­dürf­nis­py­ra­mi­de idea­ler­wei­se bei jeder Iteration.

Fazit

Das Minimum Viable Product ist mehr als nur ein funk­ti­ons­fä­hi­ges Produkt. Im Zu­sam­men­spiel mit der Bauen-Messen-Lernen-Methode lässt sich mit diesem Konzept das Risiko für Start-ups mi­ni­mie­ren. Zudem ist es Grund­stein für eine agile Ent­wick­lung. Arbeiten Sie vor der ersten Iteration eine grund­le­gen­de Idee heraus, über die sich ein Kun­den­be­dürf­nis erfüllen lässt. Um gehobene Ansprüche zu be­frie­di­gen, arbeiten Sie unter Be­rück­sich­ti­gung des Feedbacks dann auch an den Bereichen Zu­ver­läs­sig­keit, Nut­zer­freund­lich­keit und Be­gehr­lich­keit.

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