Debian: Das zeichnet das Linux-Urgestein aus

1992 veröffentlichte der kanadische Software-Entwickler Peter MacDonald mit dem Softlanding Linux System (SLS) eine der ersten bekannten Linux-Distributionen. Die Software-Sammlung auf Basis des Linux-Kernels hatte neben den standardmäßigen GNU-Tools und TCP/IP erstmals auch das X Windows System integriert, das als Framework für die Entwicklung von grafischen Oberflächen genutzt werden konnte. SLS wurde schnell zur bekanntesten Distribution auf dem Markt, stellte die Linux-Community aufgrund der hohen Fehlerrate allerdings nicht zufrieden.

Zwei der größten Kritiker, die Informatiker Ian Murdock und Patrick Volkerding, beschlossen als Reaktion, jeweils eigene, fehlerfreie Systeme zu entwickeln. Während Volkerding sich dazu entschied, SLS zu optimieren und im folgenden Jahr eine rundum erneuerte Version unter dem Namen Slackware herausbrachte, startete Murdock ein gänzlich neues Projekt. Von SLS inspiriert und von der Free Software Foundation gesponsert, scharte er ein Team von etwa 60 Entwicklern um sich und veröffentlichte 1996 schließlich die erste stabile Version von Debian GNU/Linux.

Was ist Debian GNU/Linux nun eigentlich genau?

Debian ist eine freie Software-Distribution für Computersysteme mit unterschiedlichsten Hardware-Architekturen. Da das Komplettpaket einerseits auf den von Linus Thorvalds entwickelten Linux-Kernel als Systemkern zurückgreift, andererseits auch grundlegende System-Tools des GNU-Projektes nutzt, wird gelegentlich auch die Bezeichnung Debian GNU/Linux verwendet. Noch heute wird das gemeinschaftliche Debian-Projekt von über 1.000 offiziellen Entwicklern aus aller Welt weiterentwickelt. Als eine der ältesten und verbreitetsten Sammlungen umfasst Debian mittlerweile mehr als 43.000 gebrauchsfertige Softwarepakete und gilt daher auch als universelle Betriebssystem-Lösung. Ferner ist Debian eine der einflussreichsten Distributionen überhaupt und Grundlage vieler neuerer Distributionen – wie zum Beispiel des sehr beliebten Ubuntus. Seit Debian 6.0 wird zusätzlich auch eine Variante veröffentlicht, die auf einem FreeBSD-Kernel basiert.

Nachdem zu Beginn des Projektes etwa einmal pro Jahr eine aktuelle Version mit neuen Funktionen erschien, liegt der Veröffentlichungsrhythmus seit der Jahrtausendwende bei ungefähr 24 Monaten. Die erste offiziell freigegebene Version war im Übrigen 1.1 und nicht etwa 1.0. Nachdem zuvor ein Hersteller fälschlicherweise eine nicht freigegebene Version mit der Bezeichnung 1.0 herausgegeben hatte, wollte man auf diese Weise Verwechslungen vermeiden. Bereits damals fügte man der veröffentlichten Distributions-Version einen Codenamen hinzu, der einer Figur aus dem Animationsfilm Toy Story entstammte: Buzz. Der Beweggrund ist relativ simpel: Zum damaligen Zeitpunkt hatte Bruce Perens, der auch als Studio-Tool-Entwickler für Pixar arbeitete (das für Toy Story verantwortliche Filmstudio), die Leitung des Debian-Projektes übernommen.

Der Lebenszyklus einer Debian-Version

In der Regel durchläuft jede Debian-Version den gleichen Lebenszyklus, von der Testphase über die spätere Veröffentlichung bis hin zum Release der nachfolgenden Version. In Ausnahmefällen beginnt der Zyklus mit einer sogenannten experimental-Phase, wenn in der neuen Version Änderungen geplant sind, die umfangreiche Auswirkungen auf das gesamte System haben können. In dieser Phase enthält die Version keine komplette Sammlung der Anwendungen, sondern meist nur solche Pakete, die sich noch im Alpha-Stadium befinden und nicht in die unstable-Version hochgeladen werden können. Die folgende Auflistung zeigt die üblichen Stadien einer Debian-Version.

  • unstable: In der unstable-Phase wird noch keine komplette Distributions-Version getestet, sondern man überprüft lediglich neue Versionen von Paketen und Programmen, bevor selbige im nächsten Schritt in die komplette Version integriert werden. Die Testdauer liegt dabei je nach Paket zwischen einigen Stunden und zehn Tagen. Entdeckt man keine schweren Fehler („RC-Bugs“), werden die Programme in die testing-Version aufgenommen. Seit Ende 2000 trägt dieser Versions-Status auch den Codenamen Sid (nach dem Nachbarsjungen aus Toy Story, der mit Vorliebe Spielzeug zerstört).
  • testing: Die testing-Version gilt als offizieller Kandidat für die Version, die tatsächlich veröffentlicht werden soll. In der testing-Phase werden neue Anwendungspakete eingebunden, sodass die Version sich ständig weiterentwickelt. Einige Monate vor der Veröffentlichung wird die testing-Version eingefroren („freeze“). Ab diesem Zeitpunkt liegt der Fokus nur noch auf der Beseitigung von Fehlern. Erst wenn alle als „schwer“ eingestuften Fehler behoben sind, kommt es zum Release und die testing-Version wird zur aktuellen stable-Version.
  • stable: Als stable-Version wird die jeweils aktuelle Debian-Version bezeichnet. Mit Ausnahme von Sicherheitsupdates werden an den enthaltenen Software-Paketen keinerlei Änderungen mehr vorgenommen. Die stable-Version ist daher die ideale Wahl für den Einsatz in Server-Systemen, die langfristig zuverlässig laufen müssen.
  • oldstable: Wird eine stable-Version abgelöst, gilt sie fortan als oldstable. Die Entwickler von Debian empfehlen zwar den Umstieg auf die Nachfolgeversion, bieten aber mindestens ein weiteres Jahr Sicherheitsaktualisierungen für die oldstable-Version an.

Seit Debian 6.0 „Squeeze“ existiert darüber hinaus auch eine Langzeitunterstützung für neuere Release-Versionen durch das neu gegründete Projekt Debian Long Term Support. Es soll aktuelle stable-Versionen bis zu fünf Jahre lang mit Sicherheitsupdates versorgen.

Welche Hardware unterstützt Debian?

Debian selbst stellt keinerlei Anforderungen an die verwendete Hardware, was die Distribution zur systemuniversellen Lösung macht. Lediglich die Anforderungen des Linux- bzw. FreeBSD-Kernelssowie der GNU-Werkzeuge müssen erfüllt werden. Im Umkehrschluss läuft die GNU/Linux-Distribution auf jeder Architektur oder Plattform, auf die der jeweilige Systemkern und die Tools wie die Bibliothek libc oder die Compiler-Sammlung gcc und letztendlich auch Debian selbst portiert (verfügbar gemacht) worden sind. Die Zahl der offiziell unterstützten Architekturen ist somit im Laufe der Zeit erheblich gestiegen und umfasst in Debian 8.0 bereits zehn Hauptarchitekturen inklusive diverser Unterarchitekturen:

Hauptarchitektur

Bezeichnung der Debian-Portierung

Unterarchitektur

Bezeichnung der Debian-Portierung

Intel x86-basiert

i386

 

 

AMD 64 und Intel 64

amd64

 

 

ARM

armel

Intel IXP4xx

Marvell Kirkwood

Marvell Orion

Versatile

ixp4xx

kirkwood

orion5x

versatile

ARM mit Hardware-Fließkommaeinheit

armhf

Multiplattform

Multiplattform für LPAE-fähige Systeme

armmp

armmp-lpae

64-Bit ARM

arm64

 

 

MIPS (Big Endian)

mips

SGI IP22 (Indy/Indigo 2)

SGI IP32 (O2)

MIPS Malta (32 Bit)

MIPS Malta (64 Bit)

r4k-ip22

r5k-ip32

4kc-malta

5kc-malta

MIPS (Little Endian)

mipsel

MIPS Malta (32 Bit)

MIPS Malta (64 Bit)

4kc-malta

5kc-malta

IBM/Motorola PowerPC

powerpc

PowerMac

PReP

pmac

prep

Power Systems

ppc64el

IBM POWER8 oder neuer

 

64-Bit IBM S/390

s390x

IPL von VM-Reader und DASD

generic

Informationen über die weiteren unterstützten Architekturen finden Sie auf der offiziellen Debian-Portierungs-Seite.

Warum Debian als System-Software eine gute Wahl ist

Debian steht wie kaum eine andere Linux-Distribution für absolute Individualität. Als eine der ältesten noch aktiven Sammlungen ist die Fülle an Funktionen und unterstützter Hard- und Software mit kaum einem anderen Angebot vergleichbar. Insbesondere die Paketverwaltung mit dpkg (Debian Package Manager) sowie die stetigen Tests diverser Anwendungen und Architekturen durch die engagierte Community sorgen dafür, dass Sie Debian auf zahlreichen Systemen und Plattformen installieren und Ihre gewünschten Programme und Tools nutzen können. Die aktuelle Debian-Version enthält mehr als 43.000 freie Software-Pakete. Und proprietäre Programme, die unter Linux bzw. FreeBSD laufen, können Sie ebenfalls uneingeschränkt nutzen.

Die breit gefächerte Community ist darüber hinaus auch bei Problemen behilflich und ersetzt größtenteils den bei anderen Systemen kostenpflichtigen Support. Gerade in Bezug auf die Installation ist aber nur selten eine Hilfestellung notwendig, denn trotz der Komplexität der Distribution ist selbige intuitiv und schnell ausgeführt. Gleiches gilt für das Upgraden des Systems, das ebenfalls über das Paketsystem dpkg funktioniert. Sollte dennoch ein Programm nicht standardgemäß funktionieren, können Sie einen Fehlerbericht an die offizielle Fehlerdatenbank schicken und erhalten eine Benachrichtigung, sobald das Problem behoben wurde. Sind Sie selbst Entwickler, können Sie dank der Open-Source-Eigenschaft nahezu sämtlicher Komponenten auch auf eigene Faust an einer Lösung arbeiten.

Wie sicher ist die GNU/Linux-Distribution?

Auch beim Thema Sicherheit machte sich die Zusammenarbeit zahlreicher Entwickler bezahlt: Werden Sicherheitsschwachstellen bekannt, dauert es in der Regel nur wenige Tage, bis neue korrigierte Pakete hochgeladen werden. Solche Sicherheitslücken sind aber eine Seltenheit, da sie durch die große Zahl an Testern meist bereits während der Entwicklungsphase und vor der Veröffentlichung einer neuen stable-Version entdeckt und geschlossen werden. Die intensive Testphase verleiht dem Debian-System zudem eine hohe Stabilität, sodass es kaum zu Abstürzen kommt.

Die Verantwortlichen des Debian-Projektes legen zusätzlich auch einen großen Wert auf Verschlüsselung: Durch Pakete der Open-Source-Sicherheitssoftware GnuPG sowie des proprietären Pendants PGP kann der Inhalt von E-Mails verschlüsselt werden, um in Kombination mit einem SSL-/TLS-Zertifikat für den optimalen Schutz beim Versand und Empfang der elektronischen Nachrichten zu sorgen. Über SSH (Secure Shell) können ferner authentifizierte und verschlüsselte Verbindungen zu anderen Maschinen hergestellt werden, die ebenfalls über das Netzwerkprotokoll kommunizieren können.

Die Schwächen von Debian

Wie bei jeder anderen System-Software gibt es natürlich auch bei Debian einige kleinere Kritikpunkte: Nur schwer von der Hand zu weisen ist die Tatsache, dass trotz der schnellen Installation die nachfolgende Konfiguration der Distribution sehr schwierig und nur mit dem entsprechenden Know-how zu bewältigen ist. Insbesondere die Einrichtung spezieller Hardware-Komponenten wie zum Beispiel Drucker und die Installation von Software-Paketen ohne Skript stellen Anfänger vor große Herausforderungen.

Des Weiteren wird oftmals auch die fehlende Unterstützung einiger weit verbreiteter kommerzieller Anwendungen bemängelt. Denn auch wenn Debian eine gewaltige Anzahl an Software-Paketen liefert, sind viele proprietäre Programme wie die Microsoft-Office-Anwendungen Word, Outlook oder Sharepoint nicht für GNU/Linux-Distributionen verfügbar. Aus diesem Grund bleibt Ihnen als Nutzer nur der Griff zu alternativen Nachbildungen wie LibreOffice oder Alfresco. Da die Programme der jeweiligen stable-Version lediglich Sicherheitsaktualisierungen erhalten, kann es außerdem vorkommen, dass diese nicht mehr auf dem aktuellen Stand sind.

Auch in Sachen Hardware hat das Debian-Projekt mit ähnlichen Problemen zu kämpfen: Sehr aktuelle Architekturen und Geräte sowie solche, die auf komplexe Treiber angewiesen sind, werden häufig erst in einer späteren Version unterstützt. Außerdem sind den Debian-Entwicklern – wie auch bei der Portierung von Programmen und Tools – die Hände gebunden, wenn der Hersteller sich querstellt, weshalb einige Hardware-Komponenten gar nicht genutzt werden können.

Für wen Debian GNU/Linux genau das richtige Betriebssystem-Paket ist

Debian auf ein bestimmtes Einsatzgebiet reduzieren zu wollen, würde dem System nicht gerecht werden – diverse unterstützte Hardware-Architekturen, zehntausende installationsbereite Anwendungen und ein absolut sicheres und stabiles System machen die Distribution zu einem wahren Allrounder. Aufgrund der Komplexität und der nicht immer topaktuellen Software sind Alternativen wie das Derivat Ubuntu für den Rechner zu Hause allerdings eine deutlich bessere Wahl – vor allem für Linux-Neulinge. Die wahren Stärken von Debian liegen im Einsatz als Server-System. Die jeweilige stable-Version inklusive Langzeitsupport eignet sich ideal für jedes Projekt, das auf einem konstanten und nahezu fehlerfrei arbeitenden System aufbauen soll.

Sind Sie an der Nutzung der GNU/Linux-Distribution interessiert, können Sie die Installationsdateien der aktuellen Debian-Versionen auf der offiziellen Homepage herunterladen. Dort finden Sie unter anderem auch eine Testversion, mit der Sie Debian von einer CD/DVD oder von einem USB-Stick booten können, ohne dass Sie Dateien auf Ihrem Gerät installieren müssen. Für weitere Informationen zu Versionen, Installation und Nutzung ist ein Blick in die zahlreichen Debian-Wikis wie wiki.debian.org oder wiki.debianforum.de empfehlenswert.


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