Instagram, Twitter, Facebook und andere Social Media können süchtig machen. Vor allem die jüngeren Ge­ne­ra­tio­nen kennen meist das Gefühl von Min­der­wer­tig­keit, das sich beim Scrollen durch die bunten Feeds ein­stel­len kann: Wenn die digitalen Freunde ihre Par­ty­bil­der und Weltreise-Videos posten, empfindet man das eigene Leben oft als lang­wei­lig an und es entsteht die Sorge, spannende Er­leb­nis­se zu verpassen.

Doch immer mehr junge Menschen haben die Nase voll von dem Druck, überall dabei sein und jeden Trend mitmachen zu müssen. Sie wollen nicht länger, dass die Social-Media-Feeds der anderen sie in schlechte Stimmung versetzen, weil sie das Gefühl haben, stetig etwas zu verpassen. Sie genießen JOMO (Joy of missing out) – also die Freude, auch mal ein Ereignis sausen zu lassen, um einfach im Nichtstun zu ent­span­nen.

Was ist JOMO?

De­fi­ni­ti­on: JOMO

JOMO, kurz für Joy of missing out, be­zeich­net die Freude, etwas zu verpassen. JOMO ist somit das Gegenteil von FOMO – der vor allem durch die Social Media ge­schür­ten Angst, etwas zu verpassen.

Statt zur nächsten an­ge­sag­ten Party zu gehen, bleiben die JOMO-Anhänger auf der hei­mi­schen Couch und schalten ihre Lieb­lings­se­rie ein – und das völlig ohne schlech­tes Gewissen. Sie genießen die einfachen Momente und haben sich von dem Gedanken ver­ab­schie­det, dass das Leben dann besonders erfüllt ist, wenn man ständig etwas Neues erlebt.

Wir leben in einer Zeit, in der wir unzählige Mög­lich­kei­ten haben. Welche das sind, hält uns das Internet permanent vor Augen – nicht nur in sozialen Netz­wer­ken, sondern auch bei jedem Klick auf News-Portale, beim Ansehen von YouTube-Videos und beim Hören von Podcasts.

JOMO-Anhänger lassen sich von dieser gren­zen­lo­sen Vielfalt an Mög­lich­kei­ten und digitalen Ein­drü­cken vom scheinbar perfekten Leben nicht mehr stressen. Wer die Joy of missing out für sich entdeckt hat, der versucht nicht mehr, jeden Trend mit­zu­ma­chen, der aus dem Netz ins analoge Leben schwappt. Statt­des­sen schalten Menschen mit JOMO bewusst einen Gang runter und hören auf ihre eigenen Be­dürf­nis­se.

Sie setzen auf Qualität statt Quantität, lassen ihre Ent­schei­dun­gen nicht mehr von „sollte“ und „müsste“ diktieren, sondern kon­zen­trie­ren sich auf die wichtigen Menschen und Tä­tig­kei­ten in ihrem Leben. Und sie nehmen sich re­gel­mä­ßig Zeit für sich selbst – zum Ent­span­nen, Nach­den­ken und Nichtstun.

Ent­ste­hung und Hin­ter­grund

Während FOMO, Fear of missing out, schon seit mehreren Jahren von den Main­stream-Medien zum Thema gemacht wird, ist JOMO ein relativ neues Phänomen. Erst 2018 ernannte die New York Times Joy of missing out zum neuen Som­mer­trend und rückte es damit ins Ram­pen­licht einer größeren Öf­fent­lich­keit.

JOMO ist die logische Ge­gen­be­we­gung zu FOMO. Eine US-Studie hat ergeben, dass die junge Ge­ne­ra­ti­on im Vergleich zu früher geborenen Al­ters­grup­pen extrem gestresst ist. Immense 95 % der Befragten gaben an, sie seien ge­le­gent­lich bis sehr oft gestresst.

Das Internet dürfte dabei eine wichtige Rolle spielen. 52 % der Befragten gestanden, dass sie zu viel Zeit online ver­brin­gen würden. Und im Netz sehen sie dann, wie großartig das Leben der anderen ist, und erfahren, welche neuen Trends sie cool und angesagt er­schei­nen lassen.

Der digitale Vergleich über Social Media führt zu einem stetigen Gefühl der Über­for­de­rung. Schule, Studium und Job bringen bereits zahl­rei­che Ver­pflich­tun­gen mit sich, aber um mit dem scheinbar aus­ge­füll­ten Pri­vat­le­ben der Social-Media-Freunde mithalten zu können, wird der Kalender auch in der Freizeit komplett gefüllt. Die Ansprüche der Ge­ne­ra­ti­on Z und Y an sich selbst sind hoch: Mit Sport und Ernährung wird am Superbody ge­ar­bei­tet, mit Me­di­ta­ti­on und Wei­ter­bil­dung an der Per­sön­lich­keit ge­schraubt, mit Partys, Konzerten und Wo­chen­end­trips werden die Freund­schaf­ten gepflegt.

Wenn das eigene Leben trotz aller Be­mü­hun­gen noch weit entfernt von dem glatt­po­lier­ten Instagram-Leben der Stars ist, entsteht Un­zu­frie­den­heit. 59 % der befragten Ge­ne­ra­ti­on Z-ler versuchen daher, aktiv etwas für ihre mentale Ge­sund­heit zu tun und Stress abzubauen. Und nicht wenige greifen an­ge­sichts der stetigen Über­for­de­rung und des per­ma­nen­ten Stresses den Trend Joy of missing out dankbar auf.

Joy of missing out vs. Digital Detox

Obwohl Druck und Stress in vielen Fällen durch Internet und Smart­phone verstärkt werden, heißt das nicht, dass Menschen, die die Joy of missing out genießen, zu tech­no­lo­gie­feind­li­chen Ein­sied­lern werden. Bei JOMO geht es vielmehr darum, die Balance zu finden und einen selbst­be­stimm­ten Umgang mit den digitalen Welten zu wählen.

Joy of missing out ist auch nicht zwingend mit einer Auszeit von Smart­phone und Internet gleich­zu­set­zen. Schließ­lich können solche digitalen Detox-Tage können auch aus Pflicht­ge­fühl und Selbst­op­ti­mie­rungs­drang heraus statt­fin­den.

JOMO will Freude statt Leis­tungs­druck in den Alltag zu­rück­brin­gen, und das kann auch bedeuten, einige digitale Angebote ganz ge­nüss­lich zu kon­su­mie­ren. In einer bri­ti­schen Studie gaben 78 % der befragten Mil­le­ni­als an, dass Streaming-Angebote ihre Joy of missing out sogar beflügelt haben.

5 Tipps für den Alltag mit mehr JOMO

Das Schöne an JOMO: Man muss keine spezielle Methode verstehen, nichts Be­son­de­res können oder tun, um Joy of missing out zu genießen. Doch genau das ist für viele Menschen mitt­ler­wei­le ungewohnt. Wem das Nichtstun also schwer­fällt, der sollte die folgenden fünf Tipps be­her­zi­gen, um immer mehr JOMO-Momente in seinem Alltag zu erleben:

  1. Zeit zur Selbst­re­fle­xi­on: Le­bens­freu­de steigt nicht mit der Zahl der Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten. So wichtig es ist, mit Familie und Freunden etwas zu un­ter­neh­men, so wichtig ist es auch für die eigene psy­chi­sche Ge­sund­heit, re­gel­mä­ßig Zeit allein zu ver­brin­gen. Am besten ganz ohne Smart­phone, Internet und TV. Re­flek­tie­ren Sie Probleme und Ängste, lassen Sie Erlebtes Revue passieren und geben Sie Ihren Wüschen und Träumen die Chance, sich in Ihr Be­wusst­sein vor­zu­wa­gen.
  2. Klarheit über Prio­ri­tä­ten: Je re­gel­mä­ßi­ger Sie sich kleine Auszeiten nehmen, in denen Sie über Ihr Leben nach­den­ken, desto bewusster werden Ihnen jene Faktoren in Ihrem Leben, die Ihnen wirklich wichtig sind. Prüfen Sie, welche Ver­pflich­tun­gen und Ak­ti­vi­tä­ten nicht mehr zu Ihnen passen, und trennen Sie sich von ihnen, um mehr Zeit für die Menschen und Er­leb­nis­se zu haben, die Ihnen etwas bedeuten.
  3. Lernen, Nein zu sagen: Wenn Ihnen Ihre Prio­ri­tä­ten klar sind, wird es Ihnen leichter fallen, Ein­la­dun­gen, Bitten und Angebote ab­zu­leh­nen. Fällt Ihnen das Neinsagen besonders schwer, kon­zen­trie­ren Sie sich auf die Facetten Ihres Lebens, für die Sie durch das Nein nun mehr Zeit gewonnen haben. Denn in jedem Nein steckt ein wert­schät­zen­des Ja für Ihre eigenen Pläne.
  4. Offline-Zeiten festlegen: In Ihren ruhigen Minuten greifen Sie umgehend zum Smart­phone und verfallen dem TV? Über­lis­ten Sie Ihren inneren Schwei­ne­hund. Nutzen Sie Apps, die den Zugriff auf bestimmte An­wen­dun­gen für eine fest­ge­leg­te Zeit blo­ckie­ren oder gehen Sie für Ihre wö­chent­li­che Auszeit in ein Café ohne WLAN.
  5. Sich auf das Hier und Jetzt kon­zen­trie­ren: Mehr Joy of missing out entsteht ganz au­to­ma­tisch, wenn Sie mit dem ge­gen­wär­ti­gen Moment ein­ver­stan­den sind. Zugegeben, das fällt nicht immer leicht, doch Me­di­ta­ti­on kann helfen. Sie senkt nach­weis­lich das Stress­le­vel und kann das Glücks­emp­fin­den erhöhen. Wichtig ist nur, dass Sie re­gel­mä­ßig, am besten täglich, me­di­tie­ren und die gute Ge­wohn­heit nicht sofort ein­stel­len, wenn Sie eine Ver­än­de­rung in Ihrer Stimmung fest­stel­len. Sonst ist die JOMO ganz schnell wieder weg und die FOMO klopft an die Tür.
Zum Hauptmenü