Netiquette: Was Sie für Diskussionen im Netz wissen sollten

Überall Beleidigungen und Hasskommentare? Wer die Nachrichten verfolgt, kann den Eindruck gewinnen, dass wüste Beschimpfungen im Netz an der Tagesordnung sind. Wahr ist aber ebenfalls, dass viele Nutzer durchaus an einem höflichen Umgang interessiert sind. Seit den Anfängen des Internets wird der Begriff Netiquette verwendet, um bei Online-Diskussionen an geltende Höflichkeitsregeln zu erinnern. Wer sie nicht einhält, wird aus der Diskussion ausgeschlossen oder muss zumindest mit einer Verwarnung rechnen.

Wir erklären, welche Regeln die Netiquette meist beinhaltet, wie Netiquette entstanden ist und welche Dos und Don’ts jeder kennen sollte, der sich online zu Wort melden will.

Definition: Was ist Netiquette?

Der Begriff Netiquette ist ein Kunstwort aus dem englischen Wort „net“ für Internet und dem Französischen „etiquette“, zu Deutsch: Höflichkeitsregeln. Netiquette bezeichnet also Höflichkeitsregeln, die im Internet gelten. Man könnte auch sagen: Netiquette ist ein Knigge für die Online-Welt.

Hinweis

Der Begriff Netiquette ist erst seit dem Jahr 2000 im Duden gelistet. Sowohl die Schreibung Netiquette als auch Netikette sind erlaubt.

In persönlichen Gesprächen außerhalb des Netzes haben sich bestimmte Umgangsformen eingebürgert, die als höflich und freundlich gelten: Wenn Sie jemanden begrüßen, geben Sie ihm die Hand. Wenn jemand hinter Ihnen geht, halten Sie ihm die Tür auf. Ähnliche ungeschriebene Regeln für gutes Benehmen gibt es auch für die Online-Kommunikation.

Damit ist bereits klar: Netikette ist kein rechtliches Regelwerk. Wer gegen sie verstößt, hat keine juristischen Konsequenzen zu fürchten. Mit einer Ausnahme: Wenn Sie online eine Straftat begehen, zum Beispiel zu Gewalttaten aufrufen, müssen Sie damit rechnen, für diese Straftaten belangt zu werden – ganz unabhängig von der geltenden Netiquette in einer Online-Community.

Es existiert auch kein einzelner, für alle verbindlicher Kanon der Netiquette. Welche konkreten Höflichkeitsregeln in einem Online-Forum, einem Mitgliederbereich oder einer Gruppe in einem sozialen Netzwerk gelten, legen die Betreiber bzw. Moderatoren selbst fest.

Die Anfänge: Wie ist das Konzept der Netiquette entstanden?

In den frühen Jahren des Internets waren vor allem Informatiker online, die sich in Foren und über Mailinglisten austauschten. Ihnen war klar, wie das Internet funktioniert und welche Informationen von wem gelesen werden können. Dass E-Mails so einsehbar sind wie Postkarten – für sie eine Selbstverständlichkeit. Verwendeten sie Abkürzungen, waren diese der Technik-Community meist bekannt.

Nachdem das Internet aber von immer mehr Technik-Laien genutzt wurde, konnte man dieses Wissen nicht voraussetzen. Wie kommuniziert man also online, nicht nur technisch, sondern auch inhaltlich? Um Laien einen Leitfaden für ihr Verhalten zu geben, entstand das Konzept der Netiquette.

Die Netikette umfasste in den ersten Jahren nicht nur die Sammlung von Verhaltensregeln, sondern auch Hinweise zur Datensicherheit und zu Datenschutz. Eines der älteren Netiquette-Dokumente ist RFC 1855. Darin werden nicht nur Hinweise zur Diskussionskultur in Online-Foren, sondern zum Beispiel auch zum Umgang mit urheberrechtlich geschützten Inhalten und Ketten-E-Mails gegeben.

Das Konzept der Netiquette hat sich weiterentwickelt. Viele Kerninhalte aus den 1990er-Jahren gelten bis heute und wurden von Communitys aufgegriffen. Der Fokus hat sich in den vergangenen Jahrzehnten jedoch mehr auf die Umgangsformen in der Kommunikation verlagert – der Umgang mit technischen Dingen wird dort immer seltener geregelt.

Warum ist Netikette wichtig?

Die Kommunikation über digitale Medien verleitet Menschen dazu, zu ignorieren, dass sie mit realen Personen reden. Die Hemmschwelle für alle Arten von schlechtem Benehmen sinkt: Beleidigungen und verbale Attacken sind leichter getippt als ausgesprochen. Die Erfahrung hat gezeigt: Man kann nicht davon ausgehen, dass Nutzer automatisch im Alltagsleben übliche Umgangsformen im Netz beibehalten. Die Möglichkeit, Profile unter Pseudonym zu führen, verstärkt das negative Verhalten, da viele glauben, für ihr Verhalten nicht zur Rechenschaft gezogen werden zu können.

Daher halten viele Communitys ihre Netikette schriftlich fest – auch um eine Basis zu haben, auf deren Grundlage sie Mitglieder bei Verstößen ausschließen und blockieren können.

Auch unabhängig von provozierenden Mitgliedern gibt es gute Gründe, eine Netiquette für Communitys festzulegen: Die Regeln helfen Missverständnisse zu vermeiden, stellen sicher, dass Beiträge für alle Nutzer verständlich sind und sorgen für ein produktives und angenehmes Diskussionsumfeld.

Dos and Don’ts der Netiquette in Online-Communitys

Damit es in Diskussionen nicht zu Missverständnissen, Pöbeleien und Beleidigungen kommt, werden neue Nutzer von Online-Communitys in der Regel aufgefordert, sich an die Netiquette zu halten. Oft befindet sich ein Netiquette-Dokument an prominenter Stelle auf der Plattform oder es wird dem Neumitglied per Direktnachricht verlinkt. Falls kein solches Dokument existiert, sollte man sich an die allgemein üblichen Höflichkeitsregeln im Netz halten.

5 Do’s – Welche Verhaltensregeln online weiterhelfen

1. Versetzen Sie sich in Ihr Gegenüber: Es ist die vielleicht wichtigste Regel, die vor allem auf Plattformen mit zahlreichen anonymen Mitgliedern häufig vergessen wird. Denken Sie immer daran, dass auf der anderen Seite des Bildschirms Menschen sitzen, die wie Sie Gefühle haben und verletzt reagieren können. Prüfen Sie, ob Sie den Inhalt Ihres Beitrags einer Person auch direkt ins Gesicht sagen würden. Wenn nicht, sollten Sie nach geeigneteren Formulierungen suchen oder ganz auf den Post verzichten.

2. Halten Sie Ihre Beiträge kurz und schweifen Sie nicht ab: Bemühen Sie sich darum, Ihre Gedanken vorab zu ordnen und Ihren Standpunkt schlüssig und kompakt zu kommunizieren. Die wenigsten Nutzer haben die Geduld und Lust, den Kern Ihrer Aussage aus etlichen Zeilen Text mühsam herauszufiltern.

3. Achten Sie auf Rechtschreibung und nutzen Sie Satzzeichen: Niemand erwartet, dass Sie ein Deutschprofi sind und nur fehlerfreie Beiträge auf Facebook, Instagram und Co. veröffentlichen. Allerdings sind Texte mit vielen Tippfehlern und Buchstabendrehern, ohne Groß- und Kleinschreibung und Satzzeichen schwer zu lesen. Im besten Fall wird Ihr Beitrag ignoriert, im schlechtesten Fall verärgern Sie die anderen Mitglieder. Lesen Sie daher noch einmal über Ihren Beitrag, bevor Sie Ihn absenden.

4. Bedanken und beteiligen Sie sich: Wenn Sie als Mitglied wertgeschätzt werden wollen und einen positiven Eindruck hinterlassen möchten, sollten Sie Online-Communitys nicht als Einbahnstraße verstehen. Beschallen Sie die Gruppe nicht mit Ihren Äußerungen, ohne auf die Beiträge anderer Mitglieder einzugehen, sondern bringen Sie sich ein. Helfen Sie mit Ihrem Wissen Ratsuchenden weiter und bedanken Sie sich, wenn Sie von Beiträgen anderer profitieren konnten.

5. Bleiben Sie bei persönlichen Angriffen souverän und setzen Sie klare Grenzen: Trolle und Unruhestifter finden sich in fast jeder Online-Community. Wenn Sie ins Visier eines solchen Zeitgenossen geraten sind, versuchen Sie souverän zu reagieren und sich nicht auf ausschweifendes und unsachliches Kommentar-Pingpong einzulassen. Setzen Sie Grenzen und machen Sie Ihre Meinung deutlich. Fruchtlose Beitragskämpfe vor den Augen der gesamten Community schaden Ihrem Ruf jedoch eher und haben keinen Mehrwert für die stillen Mitleser. Bei wiederholten und/oder grenzüberschreitenden Äußerungen anderer Mitglieder melden Sie den Streitsuchenden in einer persönlichen Nachricht an die Moderatoren der Gruppe, damit diese über einen Ausschluss entscheiden können.

5 Don’ts – Was Sie in Online-Diskussionen vermeiden sollten

1. Verzichten Sie darauf, Communitys als Ersatz für Google zu verwenden: Viele Communitys erwarten, dass Mitglieder sich nicht mit jeder beliebigen Frage an die Gruppe wenden, sondern vorab zumindest grundlegende Recherche betrieben haben, um ihre Antwort selbst zu finden. Sie sollten also immer Google befragt und zumindest die Suchfunktion Ihrer Community genutzt haben, ehe Sie dort um Rat fragen. Es ist ein Zeichen, dass Sie die Zeit der anderen Mitglieder wertschätzen und sie nicht mit Banalitäten behelligen.

2. Begrenzen Sie die Verwendung von Ausrufezeichen, Abkürzungen und Emojis: In Online-Gesprächen fallen wichtige Indikatoren weg, die uns normalerweise helfen, die Äußerungen unseres Gegenübers einzuschätzen: Mimik, Gestik, Intonation. Emojis können helfen, das auszugleichen. Passen Sie sich aber den Gepflogenheiten Ihrer Online-Community an und dosieren Sie deren Einsatz. Andernfalls könnte es passieren, dass Sie kaum noch jemand ernst nimmt. Ein Übermaß an Ausrufezeichen wirkt auf Leser aggressiv – versuchen Sie Ihre Argumente lieber mit Worten zu unterstreichen statt mit einer Häufung von Satzzeichen. Und Chat-Abkürzungen sollten Sie nur verwenden, wenn Sie sicher sein können, dass diese in der Community bekannt sind.

3. Posten Sie nicht ungefragt Werbung zu eigenen Produkten und Dienstleistungen: In klassischen Online-Foren gibt es meist eigene Threads, in denen Mitglieder ihre Angebote bewerben dürfen. Ähnliches ist mittlerweile auch bei Facebook üblich, nachdem Gruppen reihenweise zu Selbstvermarktungsplätzen verkommen waren. Lesen Sie daher unbedingt aufmerksam die Gruppenregeln. Wenn Sie keine Information finden, kontaktieren Sie die Administratoren/Moderatoren. Ansonsten werden Sie bei unerwünschter Werbung womöglich wortlos aus der Community entfernt.

4. Veröffentlichen Sie keine persönlichen Daten und (zu) private Details: Selbst, wenn die Inhalte einer Facebook-Gruppe nur von Mitgliedern gelesen werden können, sind Ihre Beiträge dort öffentlich. Ihr Chef, Ihr Partner – jeder aus Ihrem Umfeld kann sich theoretisch unter einem falschen Namen in die Gruppe einschleusen und mitlesen. Auch vor polizeilichen Ermittlungen sind Online-Diskussionen nicht geschützt. Überlegen Sie daher genau, ob Sie sich über Ihren Chef in digitalen Foren beschweren und welche Geheimnisse aus Ihrer Vergangenheit Sie der vermeintlich geschützten Gruppe anvertrauen. Geben Sie auch keine persönlichen Daten wie Adresse oder Telefonnummer weiter. Informieren Sie sich stattdessen ausführlich über die Gefahren sozialer Netzwerke.

5. Kennzeichnen Sie Gedanken, die Sie aus anderen Quellen übernehmen: Bilder und Zitate unterliegen auch im Netz dem Urheberrecht. Dass in vielen Fällen bei Verstößen keine rechtliche Verfolgung stattfindet, ist unerheblich. Es ist rechtswidrig, fremde Inhalte ungekennzeichnet zu verbreiten. Davon abgesehen ist es kein guter Stil, sich mit fremden Federn zu schmücken. Da jeder mit wenigen Klicks schnell herausfinden kann, ob Ihre Aussagen wirklich Ihnen zuzuschreiben sind, riskieren Sie nicht Ihren guten Ruf, sondern kennzeichnen Sie direkt, wenn Sie Inhalte anderer teilen.

Netiquette: Erinnerung an Regeln, die selbstverständlich sein sollten

Die meisten Menschen halten sich ganz intuitiv an die Netiquette, wenn sie sich online zu Wort melden – unabhängig davon, ob sie die Regeln der jeweiligen Plattform gelesen haben oder nicht. Denn Netiquette ist im Kern allgemeine Höflichkeit, erweitert um spezielle Regeln für den Umgang im Internet.

Wenn Sie sich in neuen Gruppen oder Foren im Netz anmelden und keine speziellen Gruppenregeln finden, fragen Sie höflich nach. Eine andere bewährte Methode, nicht in Fettnäpfe zu treten: Lesen Sie zunächst einige Tage still mit, um ein Gefühl für die Dynamik der Gruppe zu entwickeln und bringen Sie sich dann aktiv ein.

Grundsätzlich gilt aber: Wer die üblichen Umgangsformen aus dem Alltag beherzigt, wird selten anecken. Netiquette ist keine Fremdsprache, die es mühevoll zu erlernen gilt. Wenn Sie offen für Hinweise und Feedback sind, tolerant und wertschätzend auf andere Mitglieder eingehen und sich konstruktiv an Online-Diskussionen beteiligen, müssen Sie sich um Netiquette keine Sorgen machen.


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