Seit 2014 laufen die Vor­be­rei­tun­gen für ein staat­li­ches Social-Credit-System in China, das für alle Bürger und Un­ter­neh­men ver­pflich­tend sein soll. Die ur­sprüng­lich für 2020 an­ge­kün­dig­te lan­des­wei­te Ein­füh­rung wird sich aller Vor­aus­sicht nach verzögern. Dennoch stehen schon heute viele in­län­di­sche und in China re­gis­trier­te aus­län­di­sche Un­ter­neh­men unter ver­schärf­ter Be­ob­ach­tung und werden in Be­wer­tungs­lis­ten und Da­ten­ban­ken erfasst. Daher sollten sich Un­ter­neh­men, die in China ge­schäft­lich tätig sind oder sich in Zukunft auf dem chi­ne­si­schen Markt en­ga­gie­ren wollen, früh­zei­tig mit den Aus­wir­kun­gen von Chinas Social Scoring be­schäf­ti­gen.

Was ist das Social-Credit-System?

Unter einem Social-Credit-System (SCS) versteht man ein da­ten­ge­stütz­tes digitales Über­wa­chungs-, Er­fas­sungs- und Ra­ting­sys­tem, das Ein­zel­per­so­nen, Staats­be­diens­te­te, Un­ter­neh­men, Or­ga­ni­sa­tio­nen und Verbände einstuft und bewertet. Schlech­tes Verhalten wird dis­zi­pli­niert und bestraft. Wer sich vor­bild­lich verhält, pro­fi­tiert von gewissen Vorteilen. Das Be­wer­tungs­sys­tem geht zurück auf den „Pla­nungs­ent­wurf für den Aufbau eines So­zi­al­kre­dit­sys­tems (2014–2020)“, den der chi­ne­si­sche Staatsrat am 14. Juni 2014 ver­ab­schie­det hat.

Ur­sprüng­lich sollte das erste lan­des­wei­te und allgemein ver­bind­li­che So­zi­al­kre­dit­sys­tem ab 2020 in China ein­ge­führt werden. Bislang gibt es al­ler­dings nur ver­ein­zel­te Test- und Pi­lot­pro­jek­te, die teilweise un­ter­schied­li­che Ansätze für Social Scoring in China verfolgen. Über viele dieser Test­pro­jek­te, es sind laut west­li­chen Schät­zun­gen lan­des­weit ungefähr 70, ist wenig bekannt. Schwer­punk­te sind Groß­städ­te und dicht be­sie­del­te Regionen – ob und wann das System flä­chen­de­ckend auch die länd­li­chen Regionen erreicht, steht derzeit noch in den Sternen.

Die staat­li­chen Pi­lot­pro­jek­te sind nicht die einzigen, die in China Social Scoring in größerem Umfang erproben. Pri­vat­wirt­schaft­li­che chi­ne­si­sche Groß­kon­zer­ne sammeln in diesem Bereich schon seit Jahren Er­fah­run­gen und ge­ne­rie­ren um­fang­rei­che Da­ten­be­stän­de. Me­di­en­be­rich­te gehen davon aus, dass die in den Test- und Vor­läu­fer­pro­jek­ten ge­sam­mel­ten Da­ten­be­stän­de im lan­des­wei­ten Social-Credit-System Chinas zentral zu­sam­men­ge­führt werden. Als wahr­schein­lich gilt, dass auch digitale Über­wa­chungs­tech­ni­ken wie Vi­deo­über­wa­chung und Ge­sichts­er­ken­nung Be­stand­teil des So­zi­al­kre­dit­sys­tems sein werden. In Ein­zel­pro­jek­ten ist dies heute schon der Fall.

Welchen Zweck hat das Social-Credit-System Chinas?

Das derzeit im Aufbau be­find­li­che nationale Social-Credit-System soll zur Ver­wirk­li­chung mehrerer Ziele beitragen. Chinas Regime möchte auf po­li­ti­scher, mo­ra­li­scher und sozialer Ebene das Verhalten von Bürgern, Un­ter­neh­men, Behörden und Or­ga­ni­sa­tio­nen erfassen. Der chi­ne­si­sche Staat setzt laut eigenen Ver­laut­ba­run­gen ins­be­son­de­re auf die er­zie­he­ri­sche Funktion des Social-Credit-Systems. Im Idealfall soll es eine vor­beu­gen­de Selbst­kon­trol­le eta­blie­ren, die negativ be­wer­te­tes Verhalten bereits früh­zei­tig im Keim erstickt.

Bürger sollen ihr Verhalten verstärkt am Ge­mein­wohl ori­en­tie­ren und sich vor­bild­lich sozial verhalten, indem sie etwa frei­wil­lig ge­mein­nüt­zi­ge Aufgaben über­neh­men. Zudem soll das System zu mehr Ehr­lich­keit und Vertrauen in der Ge­sell­schaft führen, wenn Bürger und Un­ter­neh­men sich an einem ver­bind­li­chen und all­ge­mein­gül­ti­gen Be­wer­tungs­sys­tem ori­en­tie­ren. Auf öko­no­mi­scher Ebene setzt die chi­ne­si­sche Führung auf Steuerung- und Len­kungs­ef­fek­te des Ra­ting­sys­tems. Nach Mög­lich­keit will der Staat durch eine um­fas­sen­de und IT- und Big-Data-gestützte Markt­re­gu­lie­rung nahezu alle Aspekte der Wirt­schafts- und Ge­schäfts­tä­tig­kei­ten erfassen. (Corporate SCS).

Weitere Ziel­set­zun­gen sind die Ver­mei­dung von Le­bens­mit­tel­skan­da­len, die Be­kämp­fung der all­ge­gen­wär­ti­gen Kor­rup­ti­on sowie die Erhöhung der Si­cher­heit, indem die Bürger zur Ein­hal­tung von Regeln und Gesetzen animiert werden. Der Staat möchte das Schulden- und Fi­nanz­ma­nage­ment der Chinesen ver­bes­sern und die Kre­dit­wür­dig­keit von Millionen Bürgern fest­stel­len, die kein Bankkonto besitzen. Staat­li­che Dienst­leis­tun­gen sollen ebenfalls mit dem da­ten­ge­stütz­ten System optimiert werden. Auch der Um­welt­schutz soll von ver­stärk­ter Kontrolle und Über­wa­chung pro­fi­tie­ren. Außerdem erhofft sich die Regierung, dass die digitale Aus­wer­tung von riesigen Da­ten­be­stän­den Vor­her­sa­gen auf das zu­künf­ti­ge So­zi­al­ver­hal­ten erlaubt.

Wie funk­tio­niert das Social-Credit-System Chinas?

Da das nationale System noch im Aufbau ist und eine kon­sis­ten­te Dar­stel­lung der chi­ne­si­schen Regierung fehlt, exis­tie­ren momentan sehr un­ter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen über die Funk­ti­ons­wei­se und genaue Aus­ge­stal­tung des So­zi­al­kre­dit­sys­tems.

Es ist davon aus­zu­ge­hen, dass das schon prak­ti­zier­te und weit­ver­brei­te­te Lis­ten­sys­tem noch ausgebaut wird. Die Listings basieren auf einem Rap-Sheet (eine Art Füh­rungs­zeug­nis). In Black­lists (schwarzen Listen) schätzen staat­li­che Behörden Un­ter­neh­men und Ein­zel­per­so­nen ein, die gegen be­stehen­de Gesetze, Regeln und Bran­chen­vor­schrif­ten verstoßen haben. In Redlists (roten Listen) werden hingegen Un­ter­neh­men und Personen do­ku­men­tiert, die besonders sys­tem­kon­form agieren. Da­ten­ban­ken mit Listen sind schon heute in China öf­fent­lich zu­gäng­lich.

Einblicke in aktuelle Black­lists und Social Scorings geben etwa die National Credit In­for­ma­ti­on Sharing Platform sowie das National En­ter­pri­se Credit In­for­ma­ti­on Publicity System. Auf letzt­ge­nann­ter Seite kann die eigene Un­ter­neh­mens­be­wer­tung unter dem Namen der Firma oder ihrem „Unified Social Credit Iden­ti­fier“ (18-stellige Nummer) ein­ge­se­hen werden (die Seite ist nur in Chi­ne­sisch verfügbar). Wie Sie dort nach ihrem Un­ter­neh­men suchen und Ein­zel­hei­ten erfahren können, zeigt der Practical Guide to China’s Corporate Social Credit System.

Zahl­rei­che Me­di­en­be­rich­te gehen davon aus, dass die Listing-Praxis in engem Zu­sam­men­hang mit einem Punk­te­sys­tem stehen wird. Punk­te­ba­sier­te Be­wer­tungs­sys­te­me werden bereits von ver­schie­de­nen Projekten erprobt. Seit 2015 gibt es bei­spiels­wei­se das Sesame Credit System der Alibaba-Tochter Ant Financial, an dem chi­ne­si­sche Bürger sich auf frei­wil­li­ger Basis be­tei­li­gen können. Das Scoring-System beurteilt in erster Linie die Kre­dit­wür­dig­keit und berechnet auf Basis eines Punk­te­sys­tems einen per­sön­li­chen Bo­ni­täts­score.

Bei der Da­ten­er­he­bung, die auch die B2B-Plattform Alibaba.com sowie das kon­zern­ei­ge­ne Online-Auk­ti­ons­haus Taobao einbindet, werden darüber hinaus In­for­ma­tio­nen zu Auf­ent­halts­or­ten, zum Ar­beits­platz und zum Fa­mi­li­en­sta­tus, zur Zah­lungs­mo­ral bei Rech­nun­gen und zur Kre­dit­kar­ten­nut­zung ge­spei­chert. Po­li­ti­sche Äu­ße­run­gen und das Kon­sum­ver­hal­ten in Sozialen Medien werden ebenfalls do­ku­men­tiert.

Während die Alibaba Group häufig mit Amazon ver­glei­chen wird, ist Tencent das chi­ne­si­sche Pendant zu Facebook. Das Un­ter­neh­men etabliert seit einigen Jahren mit Tecent Credit ein Äqui­va­lent zu Alibabas Sesame Credit System. Da­ten­be­stän­de generiert das Un­ter­neh­men ins­be­son­de­re durch WeChat, ur­sprüng­lich ein Chat­dienst (ähnlich WhatsApp), der mitt­ler­wei­le um weitere Dienste erweitert wurde (z. B. um das Mobile-Payment-System WeChat Pay, das mit Apple und Google Pay ver­gleich­bar ist).

Ein Punk­te­sys­tem ist auch die Grundlage für ein So­zi­al­kre­dit­sys­tem der chi­ne­si­schen Küs­ten­stadt Rongcheng, das seit 2014 erprobt wird. 670.000 Einwohner leben im Alltag bereits mit einem Social Score, den sie etwa unter anderem bei Kre­dit­an­trä­gen oder für eine mögliche Be­för­de­rung beim Ar­beit­ge­ber vorlegen müssen.

An­ge­sichts dieser und weiterer Vor­läu­fer­pro­jek­te gehen viele Experten von der be­vor­ste­hen­den Ver­brei­tung eines punk­te­ba­sier­ten na­tio­na­len Social-Credit-System aus – von der chi­ne­si­schen Führung wurde dies bislang al­ler­dings noch nicht offiziell bestätigt. In dem Konzept beginnen alle Akteure mit einer Aus­gangs­punkt­zahl (1000 Punkte). Wer sich positiv verhält, baut das Punk­te­kon­to aus (maximal sind 1300 Punkte er­reich­bar). Wer negativ auffällt, verliert Punkte (Nied­rigs­ter Wert: 600 Punkte). Vor­bild­li­che Akteure können auf Belohnung hoffen. Personen, die nicht im Sinne des staatlich vor­ge­ge­be­nen Po­si­tiv­ras­ters handeln, können im schlimms­ten Fall in eine schwarze Liste (Blacklist) mit der of­fi­zi­el­len Be­zeich­nung „heavily dis­trus­ted entities list“ auf­ge­nom­men werden.

Die bis­he­ri­gen Social-Credit-Systeme in China beruhen auf be­stimm­ten Be­wer­tungs­kri­te­ri­en, die höchst­wahr­schein­lich auch im lan­des­wei­ten System eine Rolle spielen werden:

Wichtige Be­wer­tungs­fak­to­ren für Pri­vat­per­so­nen sind derzeit die Bonität und das Kon­sum­ver­hal­ten (on- und offline). Ak­ti­vi­tä­ten und Re­gel­ver­stö­ße in den Sozialen Medien sowie das Alltags- und So­zi­al­ver­hal­ten einer Person fließen in das Rating ein. Wer etwa öf­fent­li­ches Eigentum schützt, sich für den fa­mi­liä­ren Zu­sam­men­halt einsetzt und sich für­sorg­lich um die Eltern oder erkrankte Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge kümmert, kann mit positiven Aus­wir­kun­gen auf das Scoring rechnen. Auch das Straf­re­gis­ter und das Verhalten im Stra­ßen­ver­kehr (z. B. Schwarz­fah­ren, Rauchen im Zug) sind relevant für das Chinas Social Scoring. Des Weiteren be­ein­flus­sen das Er­näh­rungs­ver­hal­ten sowie Be­wer­tun­gen von Vor­ge­setz­ten und Ver­mie­tern das Rating.

Spezielle Be­wer­tungs­fak­to­ren für Un­ter­neh­men sind z. B. Pro­dukt­qua­li­tät, Um­welt­schutz (Ein­hal­tung von/Verstöße gegen Emis­si­ons­vor­ga­ben), Preis­ge­stal­tung und Li­zen­zie­rung oder auch der Umgang mit Daten und Da­ten­trans­fers. Auch die Höhe von Steu­er­zah­lun­gen und die Ein­hal­tung von Zah­lungs­fris­ten fließen in die Be­wer­tun­gen ein. Hinzu kommen Un­ter­neh­mens­be­wer­tun­gen von Social-Media-Nutzern. Selbst das Verhalten von Fir­men­an­ge­hö­ri­gen ist relevant für das Rating eines gesamten Un­ter­neh­mens. Sind mehrere Nie­der­las­sun­gen in China vorhanden, kann sich die Bewertung eines einzelnen Stand­or­tes auf das gesamte Un­ter­neh­men auswirken.

Unklar ist derzeit al­ler­dings, wie diese Be­wer­tungs­kri­te­ri­en in einem na­tio­na­len Ra­ting­sys­tem gewichtet werden und ob jeder Verstoß un­mit­tel­bar negative Aus­wir­kun­gen nach sich zieht. Wahr­schein­li­cher ist – darauf weisen China-Experten wie Jeremy Daum hin –, dass zunächst ein gra­vie­ren­der straf­recht­lich re­le­van­ter Vorfall vorliegen muss (Betrug, Diebstahl, Steu­er­hin­ter­zie­hung). Erst dann werde das Ne­ga­tiv­pro­fil mit weiterem Fehl­ver­hal­ten ergänzt.

Unklar ist zum aktuellen Zeitpunkt außerdem, wann Ratings und Black­lists im na­tio­na­len System ak­tua­li­siert werden sollen. Derzeit kann ein Blacklist-Eintrag bei einem schweren Verstoß länger als 5 Jahre erhalten bleiben, frü­hes­tens wird dieser nach sechs Monaten gelöscht. Das Verfahren kann be­schleu­nigt werden, indem man sich umgehend um eine Lösung zu­grun­de­lie­gen­der Probleme kümmert. Un­ter­neh­men können mit einem Credit Rescue Com­mit­ment Letter und ge­eig­ne­tem Ent­las­tungs­ma­te­ri­al gegen ein schlech­tes Ranking vorgehen und eine An­nul­lie­rung von Ne­ga­tiv­be­wer­tun­gen ein­for­dern. Darüber hinaus stehen ver­wal­tungs­recht­li­che Rechts­mit­tel zur Verfügung.

Technisch soll das chi­ne­si­sche So­zi­al­kre­dit­sys­tem laut Me­di­en­be­rich­ten mithilfe von ver­netz­ten Da­ten­ban­ken, digitalen Bild- und Ton­auf­zeich­nun­gen, Big-Data- und Data-Mining-Analysen sowie mit Methoden der Künst­li­chen In­tel­li­genz rea­li­siert werden. Die tech­ni­schen Aus­wer­tun­gen werden nicht nur auf die Da­ten­ba­sis schon be­stehen­der Projekte und Systeme zu­rück­grei­fen können. Weiteres Da­ten­ma­te­ri­al soll bei­spiels­wei­se auch das lan­des­wei­te digital-elek­tro­ni­sche Über­wa­chungs­sys­tem liefern, das Skynet genannt wird. Es besteht aus derzeit nahezu 600 Millionen Über­wa­chungs­ka­me­ras, die unter anderem zur Gesichts- und neu­er­dings teilweise auch zur Gang­er­ken­nung genutzt werden.

Welche Aus­wir­kun­gen hat das Social-Credit-System Chinas?

Die Folgen des chi­ne­si­schen Social Scoring sind derzeit kaum absehbar, da die flä­chen­de­cken­de Ein­füh­rung noch am Anfang steht und viele Ein­zel­hei­ten momentan nicht bekannt sind. Wie­der­holt genannte Vorteile, die vor­bild­li­che Ver­hal­tens­wei­sen mit sich bringen, sind unter anderem:

  • Be­vor­zu­gung bei Schul­zu­las­sun­gen
  • Vorteile bei der Vergabe von Ar­beits­plät­zen
  • er­leich­ter­ter Zugang zu Krediten (betrifft auch Un­ter­neh­men)
  • Be­vor­zu­gung bei öf­fent­li­chen Aufträgen (betrifft speziell Un­ter­neh­men)
  • bessere Ge­sund­heits­ver­sor­gung (z. B. kürzere War­te­zei­ten in Kran­ken­häu­sern, kos­ten­lo­ser Zugang zu Fit­ness­ein­rich­tun­gen)
  • Ver­güns­ti­gun­gen in öf­fent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln und beim Leihen von Autos, Fahr­rä­dern
  • schnel­le­re Be­för­de­run­gen
  • verkürzte Wartezeit auf Wohnraum im sozialen Woh­nungs­bau
  • Steu­er­erleich­te­run­gen und -ver­güns­ti­gun­gen (betrifft auch Un­ter­neh­men)

Bürger und Un­ter­neh­men, die sich konform verhalten und den Spiel­re­geln des Regimes folgen, können also um­fas­sen­de Vorteile aus dem System ziehen. Wer al­ler­dings mit dem Werte- und Nor­men­ras­ter des staat­li­chen Social-Credit-Systems in Konflikt gerät, muss bei­spiels­wei­se mit folgenden Kon­se­quen­zen rechnen:

  • Ver­wei­ge­rung von Lizenzen und Ge­neh­mi­gun­gen (betrifft auch Un­ter­neh­men)
  • Aktien-Ausgabe wird Firmen ver­wei­gert
  • Keine Fir­men­tä­tig­keit in be­stimm­ten Markt­seg­men­ten (z. B. auf dem Si­cher­heits­markt)
  • Nachteile bei der Vergabe von Pro­duk­ti­ons-, Export- oder Im­port­li­zen­zen
  • Un­ter­neh­men bekommen keine öf­fent­li­chen Aufträge
  • er­schwer­ter Zugang zu Krediten (betrifft auch Un­ter­neh­men)
  • hohe In­spek­ti­ons­ra­ten bei der Wa­ren­ein­fuhr (betrifft Un­ter­neh­men)
  • Straf­zah­lun­gen (betrifft Un­ter­neh­men)
  • Vermehrte und un­an­ge­kün­dig­te Be­triebs­prü­fun­gen (betrifft Un­ter­neh­men)
  • Nachteile beim Reisen (keine Buchung von Flügen oder Schnell­zü­gen möglich; betrifft auch Un­ter­neh­men)
  • Er­schwer­ter Zugang zu So­zi­al­leis­tun­gen
  • Nutzung von öf­fent­li­chen Dienst­leis­tun­gen nur ein­ge­schränkt möglich
  • keine Arbeit im öf­fent­li­chen Dienst
  • kein Zugang zu Pri­vat­schu­len

Landen Bürger oder Un­ter­neh­men aufgrund ihrer „Vergehen“ auf einer schwarzen Liste, werden sie ver­ein­zelt schon heute online oder auf Bild­schir­men im öf­fent­li­chen Raum bloß­ge­stellt. Auch zu konkreten Ein­schrän­kun­gen ist es schon gekommen. 2018 hinderten 15 Millionen Verbote Personen mit einem schlech­ten Score an Fern­rei­sen via Bahn oder Flugzeug.

Welche Kritik gibt es am Social-Credit-System?

Innerhalb Chinas hält sich die Kritik am So­zi­al­kre­dit­sys­tem in Grenzen. Es herrscht offenbar eine gewisse Akzeptanz, da viele Bürger Hoff­nun­gen in die Ein­füh­rung setzen und den Ver­spre­chun­gen der Regierung (mehr Si­cher­heit, weniger Kor­rup­ti­on etc.) Glauben schenken. Auch auf tech­ni­scher Ebene sieht man eher Vorteile einer um­fas­sen­den Di­gi­ta­li­sie­rung. Da­ten­schutz spielt in dem Land eine geringere Rolle. Der mangelnde Wi­der­spruch kann natürlich auch mit der Angst vor Sank­tio­nen zu­sam­men­hän­gen, da der chi­ne­si­sche Staat offene Kritik in der Regel nicht toleriert.

Westliche Kritiker monieren, dass China mit dem Social-Credit-System einen großen Schritt in Richtung Über­wa­chungs­staat geht. Die Regierung wolle ihre Macht festigen und die Bürger möglichst lückenlos in allen Le­bens­be­rei­chen kon­trol­lie­ren. Das Sammeln der Daten findet staatlich zen­tra­li­siert über viele Jahre statt und wird als zu weit­rei­chend und zu umfassend kri­ti­siert. Außerdem haben po­li­ti­sche Akteure die Mög­lich­keit, in China sehr zentral und un­kon­trol­liert auf viele Daten zu­zu­grei­fen. Zum gläsernen Bürger werden die Chinesen auch durch die digitale Über­wa­chung und Aus­wer­tung, die um­fas­sen­de Ver­knüp­fun­gen von Daten erlaubt. Das Kre­dit­sys­tem ergänze des Weiteren bereits be­stehen­de Über­wa­chungs- und Zen­surme­cha­nis­men, da China wie etwa Nordkorea auch das Internet und die Zugänge zum Internet kon­trol­liert. Wie­der­holt ziehen kritische Stimmen Ver­glei­che zu den bekannten Dystopien von George Orwell (1984) und Aldous Huxley (Brave New World).

Kritiker sehen außerdem die Gefahr einer sozialen Brand­mar­kung: In­di­vi­dua­lis­ten, Un­an­ge­pass­te und An­ders­den­ken­de werden aus­ge­grenzt und be­nach­tei­ligt. Letztlich können Bürger und Un­ter­neh­men zweiter Klasse entstehen, die sich nur schwer­lich wieder aus der Ab­wärts­spi­ra­le von Black­lis­ting und negativem Score befreien können.

Mit freier Markt­wirt­schaft habe ein derart kon­trol­lier­ter und ge­steu­er­ter Markt ohnehin nur noch wenig gemein. Das stark re­gu­lier­te Umfeld wird punktuell auch als in­no­va­ti­ons­feind­lich ein­ge­stuft. Un­ter­neh­men werden genötigt, sich ihre Han­dels­part­ner sehr genau (im Sinne staat­li­cher Regeln und Normen) aus­zu­su­chen. Bei negativer Bewertung oder gar Black­lis­ting laufen sie Gefahr, Ge­schäfts­part­ner zu verlieren oder gar nicht erst als Ge­schäfts­part­ner von chi­ne­si­schen Han­dels­part­nern ak­zep­tiert zu werden.

Wird ein Un­ter­neh­men öf­fent­lich an den Pranger gestellt, wird das Image nach­hal­tig zerstört. Besonders fatal können sich Scoring und Black­lis­ting auswirken, wenn Ab­wer­tun­gen und Brand­mar­kun­gen un­ge­recht­fer­tigt sind, auf De­nun­zia­tio­nen, ge­gen­sei­ti­gen Be­spit­ze­lun­gen oder auf Fehl­an­nah­men beruhen. Auch besteht die Gefahr, dass das in­trans­pa­ren­te und zentral kon­trol­lier­te staat­li­che System anfällig für Miss­brauch und Kor­rup­ti­on ist. Ob die ver­spro­che­ne Rechts­si­cher­heit überhaupt durch­setz­bar ist, werde sogar lan­des­in­tern von der chi­ne­si­schen Be­völ­ke­rung an­ge­zwei­felt.

Das in­trans­pa­ren­te System wi­der­spricht in den Augen der Kritiker einem eu­ro­päi­schen Da­ten­schutz­ver­ständ­nis, das der Da­ten­schutz­grund­ver­ord­nung (DSGVO) ver­pflich­tet ist. Eine besondere Gefahr sehen Kritiker in der Quer­ver­knüp­fung von In­for­ma­tio­nen und Daten: Fallen Bürger oder Un­ter­neh­men in einem Ra­ting­sek­tor auf, kann dies auch in anderen Bereichen zu Sank­tio­nen führen.

Es gibt aber auch re­la­ti­vie­ren­de Stimmen. Einige Press­ar­ti­kel und China-Experten weisen darauf hin, dass sich in der voreilig ge­äu­ßer­ten Kritik westliche Ängste vor einem Über­wa­chungs­staat wi­der­spie­geln. Sie betonen, dass das System noch in den Kin­der­schu­hen steckt. Es sei derzeit noch völlig unklar, ob es lan­des­weit kon­se­quent ein­ge­führt wird, für alle Bürger glei­cher­ma­ßen gelten und jemals als all­um­fas­sen­des Kon­troll­sys­tem funk­tio­nie­ren wird. Außerdem sei es speziell im Un­ter­neh­mens­be­reich (Corporate SCS) weniger ein Kontroll-, sondern ein An­reiz­sys­tem. Im Sinne einer Selbst­re­gu­lie­rung können Un­ter­neh­men maß­geb­lich und ei­gen­in­itia­tiv zu einem positiven So­zi­al­kre­dit beitragen.

Jeremy Daum, China-Experte und Forscher am Paul Tsai China Center an der Yale Law School, gibt zu bedenken, dass das So­zi­al­kre­dit­sys­tem vor allem ein Pro­pa­gan­da­in­stru­ment ist. Es soll die Bürger in erster Linie mit Droh­ge­bär­den dis­zi­pli­nie­ren und zur Ehr­lich­keit auf­for­dern. Die im Westen häufig be­schwo­re­ne Hightech-Über­wa­chung werde maßlos über­schätzt. So seien laut Daum viele Über­wa­chungs­ka­me­ras gar nicht in Betrieb, „Super-Al­go­rith­men“ und KI-Techniken kämen bislang kaum oder gar nicht zum Einsatz.

Re­la­ti­vie­ren­de Stimmen geben zudem zu bedenken, dass es über China hinaus einen globalen Trend zu da­ten­hung­ri­gen Kredit- und Be­wer­tungs­sys­te­men gibt. In Deutsch­land gibt es bei­spiels­wei­se die Schufa, die Bo­ni­täts­checks auf Da­ten­ba­sis er­mög­licht. Im Un­ter­schied zu China ist Social Scoring aber an­de­ren­orts nicht in staat­li­cher, sondern z. B. bei den Sozialen Medien in pri­vat­wirt­schaft­li­cher Hand. Ob Da­ten­be­stän­de mit Per­so­nen­be­zug dort besser auf­ge­ho­ben sind, wird teils be­zwei­felt. So haben etwa die um­fang­rei­chen Zugriffe im ame­ri­ka­ni­schen Wahlkampf auf ver­trau­li­che Social-Media-Daten von Facebook das Vertrauen in pri­vat­wirt­schaft­li­che Da­ten­schutz­prak­ti­ken nach­hal­tig er­schüt­tert. Zudem sollten westliche Kritiker eine Da­ten­schutz­auf­fas­sung re­spek­tie­ren, welche die Daten beim Staat sicherer wähnt als bei pro­fit­ori­en­tier­ten Firmen.

Eine aus­ge­wo­ge­ne­re Be­trach­tung sollte auch die positiven Effekte des Systems stärker in den Blick nehmen: Un­ter­neh­men könnten von einer op­ti­mier­ten Kor­rup­ti­ons­be­kämp­fung, von einer ef­fi­zi­en­ten Markt­re­gu­lie­rung sowie von Ge­schäfts­part­nern pro­fi­tie­ren, die nach­ge­wie­se­ner­ma­ßen eine weiße Weste haben und auf dubiose Ge­schäfts­prak­ti­ken ver­zich­ten.

Fazit: Vor­be­rei­tun­gen treffen und die Ent­wick­lun­gen be­ob­ach­ten

Aufgrund vieler Un­klar­hei­ten und äußerst un­ter­schied­li­cher Be­wer­tun­gen selbst von China-Experten ist eine ab­schlie­ßen­de Ein­schät­zung des na­tio­na­len chi­ne­si­schen So­zi­al­kre­dit­sys­tems schwierig. Un­ter­neh­men sollten sich auf jeden Fall eine Strategie zu­recht­le­gen, wie sie sich in Zukunft in einem immer stärker re­gu­lier­ten Markt bewegen und gezielt an einem positiven Rating arbeiten wollen.

Auch mit dem Verhalten bei einem Black­lis­ting und möglichen Maßnahmen zur Löschung eines schlech­ten Ratings sollten sich Un­ter­neh­men recht­zei­tig be­schäf­ti­gen. Man sollte sich zudem bewusst sein, dass Un­ter­neh­men in China heute sehr umfassend ein­ge­schätzt werden, selbst Mit­ar­bei­ter einer Firma stehen unter ver­schärf­ter Be­ob­ach­tung.

Außerdem könnten interne Prozesse und aktuelle sowie zu­künf­ti­ge Ge­schäfts­part­ner hin­sicht­lich der An­for­de­run­gen eines lan­des­wei­ten Social-Credit-Systems überprüft werden. In Zukunft sind auch Fle­xi­bi­li­tät und Hand­lungs­schnel­lig­keit gefragt, denn per­ma­nen­te und kurz­fris­ti­ge Än­de­run­gen im Be­wer­tungs­sys­tem sind nicht aus­zu­schlie­ßen. An­ge­sichts der aktuellen Situation sollte man die Ent­wick­lung des Social-Credit-Systems in China immer im Auge behalten.

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