Seit Jahr­tau­sen­den erzählen sich Menschen Ge­schich­ten: All­täg­li­ches, Phan­tas­ti­sches, Lehr­rei­ches oder Ro­man­ti­sches – für so ziemlich alles hat die Mensch­heit narrative Formen gefunden. Ge­schich­ten regen unsere Phantasie an, entführen uns aus dem Alltag und stiften Ge­mein­schaf­ten. Mehr noch: Sie tradieren die Werte und Normen einer Ge­sell­schaft und bilden das Fundament ihres kul­tu­rel­len Ge­dächt­nis­ses. Sie können Bot­schaf­ten, Ideen und Wissen ver­mit­teln. Damit wird das Sto­rytel­ling – so der eng­lisch­spra­chi­ge Fach­be­griff für das Erzählen von Ge­schich­ten als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­form – auch zu einer ef­fek­ti­ven Marketing-Maßnahme. Welche Bedeutung Sto­rytel­ling im Marketing, für Un­ter­neh­men und in Social Media haben kann, lesen Sie in unserem Ratgeber "Virales Marketing: Die digitale Mund­pro­pa­gan­da".

Was ist Sto­rytel­ling?

„Die Feder ist mächtiger als das Schwert“, besagt ein altes Sprich­wort. Sprache ist lebendig und in der Lage Menschen mit­zu­rei­ßen, zu un­ter­hal­ten und zu bilden. Das gilt ins­be­son­de­re für Ge­schich­ten: Die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­form „Sto­rytel­ling“ funk­tio­niert, indem sie einem Produkt, einem Un­ter­neh­men oder einer Idee eine spannende, in­ter­es­san­te und sinn­stif­ten­de Form verleiht. Dem­entspre­chend wurde Sto­rytel­ling schon von vielen PR-, Marketing- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ab­tei­lun­gen in Un­ter­neh­men entdeckt. Mit Ge­schich­ten können Produkte, Ideen oder Un­ter­neh­mens­tra­di­tio­nen emo­tio­na­ler und leichter ver­ständ­lich ver­mit­telt werden als bei­spiels­wei­se über ein trockenes Aufzählen von Fakten – vom Grün­dungs­da­tum bis zu Pro­dukt­spe­zi­fi­ka­tio­nen auf Da­ten­blät­tern. Interesse und Neugier werden mit span­nen­den Storys viel eher geweckt. Die Adres­sa­ten sollen ihr folgen und sich letztlich mit dem ver­mit­tel­ten Produkt oder Un­ter­neh­men iden­ti­fi­zie­ren. Sto­rytel­ling kann die Brand stärken, denn eine gute Story bleibt den Re­zi­pi­en­ten lange im Ge­dächt­nis. Sie werden mit der positiven Botschaft lang­fris­tig das ver­mit­teln­de Un­ter­neh­men verbinden und umgekehrt. Klas­si­sche Werbung hingegen stößt bei Lesern, Zu­schau­ern und Zuhörern zunehmend an Grenzen. Im On­line­mar­ke­ting spricht man bei­spiels­wei­se von der so­ge­nann­ten Banner Blindness – der Blindheit der Re­zi­pi­en­ten gegenüber klas­si­schen Wer­be­ban­nern. Im Zuge des zu­neh­men­den Über­an­ge­bots in den Medien haben sich die Re­zi­pi­en­ten an einfache Wer­be­ban­ner und -spots gewöhnt – nicht nur online, sondern me­di­en­über­grei­fend. Daher sind gute Inhalte und mit­rei­ßen­de Storys immer gefragter. Hier gehen Content-Marketing und Sto­rytel­ling Hand in Hand.

Fakt

Sto­rytel­ling ist eine Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­nik, die im Marketing, der PR-Arbeit aber auch im Jour­na­lis­mus, in der Bildung, im Wis­sens­ma­nage­ment oder in der Psy­cho­the­ra­pie ein­ge­setzt wird. Ziel ist es, das Interesse der Re­zi­pi­en­ten mit in­ter­es­san­ten Ge­schich­ten zu wecken und In­for­ma­tio­nen leicht ver­ständ­lich zu kom­mu­ni­zie­ren.

Darum funk­tio­niert Sto­rytel­ling

Darüber hinaus wird Sto­rytel­ling in Un­ter­neh­men auch zur internen Kom­mu­ni­ka­ti­on mit den eigenen Mit­ar­bei­tern ein­ge­setzt: Inhalte von Schu­lun­gen oder Ein­füh­run­gen sowie Werte, Wissen und die Un­ter­neh­mens­kul­tur lassen sich über positive Er­folgs­ge­schich­ten besser und ver­ständ­li­cher kom­mu­ni­zie­ren. Die gleiche Funk­ti­ons­wei­se wird auch im Jour­na­lis­mus und im Bil­dungs­sek­tor verwendet, um komplexe Zu­sam­men­hän­ge, wichtige In­for­ma­tio­nen und Pro­blem­stel­lun­gen in leicht ver­ständ­li­cher Form zu ver­mit­teln. Warum ist diese Er­zähl­tech­nik so effektiv und kommt branchen- und fach­über­grei­fend zum Einsatz?

Antworten auf die Frage liefert ei­ner­seits die Hirn­for­schung, an­de­rer­seits die Literatur- und Sprach­wis­sen­schaft. Das ent­schei­den­de Stichwort ist die „leicht ver­ständ­li­che Form“, die Sto­rytel­ling komplexen Zu­sam­men­hän­gen verleiht. Denn unser Gehirn wird immer versuchen, schwie­ri­ge Zu­sam­men­hän­ge mit dem ge­ringst­mög­li­chen Aufwand in bekannten Mustern zu erfassen. Ge­schich­ten sind – wie eingangs ge­schil­dert – ein seit Jahr­tau­sen­den eta­blier­tes und erprobtes Mittel, um Wissen wei­ter­zu­ge­ben. Bereits die Dichter antiker Hoch­kul­tu­ren haben um diese Funktion gewusst und in ihren Er­zäh­lun­gen eine „Moral von der Ge­schich­te“ mit­kom­mu­ni­ziert – so etwa die Fabeln des grie­chi­schen Dichters Äsop. Diese Tradition setzt sich bis heute fort: Schon in frühester Kindheit werden uns lehr­rei­che Ge­schich­ten von den Eltern vor­ge­le­sen – wir wachsen mit diesem Muster auf und geben es selbst an die nach­fol­gen­de Ge­ne­ra­ti­on weiter.

Dem­entspre­chend können Menschen von Kindheit an In­for­ma­tio­nen noch immer am leich­tes­ten über Ge­schich­ten aufnehmen und ver­ar­bei­ten. Die rechte Ge­hirn­hälf­te wird besonders von leicht ver­ständ­li­chen Storys an­ge­spro­chen, was bei uns eine Fülle an Emotionen auslöst: Gute Sto­rytel­ler sprechen mit ihren Ge­schich­ten Ur­er­leb­nis­se oder in­stink­tiv ein­ge­präg­te Ar­che­ty­pen an. An diese können Re­zi­pi­en­ten mit eigenen Er­fah­run­gen aus in­di­vi­du­el­len Le­bens­läu­fen anknüpfen. Solche Ge­schich­ten auf­zu­spü­ren und sinnvolle Ver­bin­dun­gen zwischen der be­ab­sich­tig­ten Botschaft und dem Inhalt der Story zu finden, ist die große Kunst des Sto­rytel­lings.

Wie ent­wi­ckelt man eine gute Story?

Es gibt viele Wege, um gute Ge­schich­ten zu erzählen: Je nach Un­ter­neh­men und die für die jeweilige Ziel­grup­pe beste Kom­mu­ni­ka­ti­ons- oder Con­tent­form sind von Vi­deo­spots bis zu aus­for­mu­lier­ten Storys in Textform nahezu alle (multi-)medialen Ansätze denkbar. Dem­entspre­chend steht an erster Stelle die Frage nach der Ziel­grup­pe: Wen soll die Story an­spre­chen? Wie setzt sich diese Gruppe zusammen – was sind ihre Wünsche, Hoff­nun­gen oder In­ter­es­sen? Welches Medium wird von der Ziel­grup­pe bevorzugt? Solche und ähnliche Fragen müssen Sie zunächst durch Markt- und Ziel­grup­pen­ana­ly­sen be­ant­wor­ten.

Soll die Ge­schich­te aus­for­mu­liert oder in Form eines (Kurz-)Films kom­mu­ni­ziert werden? Dann können Sie sich beim Sto­rytel­ling an der klas­si­schen Dramen- und Er­zähl­theo­rie ori­en­tie­ren: Es geht darum, fort­lau­fend einen Span­nungs­bo­gen auf­zu­bau­en, Leser, Zuhörer oder Zuschauer zu mit­zu­neh­men und am Ende mit einer Moral oder Botschaft zu schließen. Am Anfang steht eine Aus­gangs­si­tua­ti­on, mit der sich die Ziel­grup­pe iden­ti­fi­zie­ren kann. Die Ge­schich­te sollte über eine oder mehrere Haupt­fi­gu­ren verfügen, in denen sich der Rezipient wie­der­fin­den oder mit denen er mitfühlen kann. Er begleitet diese Figuren, während sie ein Problem lösen, Hin­der­nis­se über­win­den oder eine Ent­wick­lung voll­zie­hen. Die Ge­schich­te schließt mit einem Happy End: Das Problem oder Rätsel ist gelöst, die Hin­der­nis­se sind über­wun­den, die Haupt­fi­gur(en) sind mit ihrem Vorhaben er­folg­reich gewesen.

Komplexe Ver­schach­te­lun­gen mehrerer Er­zähl­strän­ge sowie viele Zeit- und Orts­wech­sel gilt es zu vermeiden. Die Ge­schich­te kann zwar eine kom­ple­xe­re Botschaft ver­mit­teln, sollte selbst aber möglichst leicht ver­ständ­lich sein, um den Re­zi­pi­en­ten nicht ab­zu­schre­cken und gleich­zei­tig dazu zu ermutigen, sich selbst mit dem Thema aus­ein­an­der­zu­set­zen. Besonders bei On­line­tex­ten ist zu beachten, dass Nutzer sprung­haf­ter lesen und die Auf­merk­sam­keits­span­ne kürzer ist. So muss der Leser – in diesem Fall mehr denn je – direkt zu Beginn der Ge­schich­te gefesselt werden. In dieser Hinsicht kann man sich grob an den drei aris­to­te­li­schen Einheiten ori­en­tie­ren: Einheit des Ortes, der Zeit und der Handlung. Wie sich das Le­se­ver­hal­ten im Netz von dem in Print­me­di­en un­ter­schei­det, erläutern wir in unserem Artikel: "Le­se­ver­hal­ten im Netz: Online-Content richtig gestalten".

Im schnell­le­bi­gen World Wide Web kann schon der erste Satz ent­schei­dend sein. In­spi­ra­ti­on und Beispiele guter erster Sätze gibt es in der Li­te­ra­tur­ge­schich­te en masse – um nur zwei zu nennen: „Er stand vor dem Tor des Tegeler Ge­fäng­nis­ses und war frei.“ (Alfred Döblin: Berlin Alex­an­der­platz). Sofort ist der Leser bereit wei­ter­zu­le­sen: Wer ist „er“? Warum war er im Gefängnis und was wird er jetzt tun? Ein zweites Beispiel: „Wie froh bin ich, dass ich weg bin.“ (Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werthers). Auch hier wird die Phantasie des Lesers sofort angeregt: Warum ist das Erzähler-Ich froh? Wo kommt es her und wo will es hin?

Soll die Ge­schich­te als Spot in bewegten Bildern erzählt werden, muss der Einstieg in Videoform über­tra­gen werden. Selbst­ver­ständ­lich ist auch hier der Anfang – das heißt die ersten Sekunden – von ent­schei­den­der Bedeutung: Da Vi­deo­clips neben dem haus­ei­ge­nen Un­ter­neh­mens­blog vor­wie­gend über soziale Medien wie YouTube oder Facebook kom­mu­ni­ziert werden, sind ab­len­ken­de Videos dritter Anbieter und wei­ter­füh­ren­de Links immer nur einen Klick entfernt.

Die Beispiele ver­an­schau­li­chen, dass der Anfang beim Sto­rytel­ling noch nicht den maximalen In­for­ma­ti­ons­ge­halt bieten muss – ganz im Gegenteil: Idea­ler­wei­se steht zu Beginn ein Teaser, der Leer­stel­len lässt. Erst im Laufe der Ge­schich­te werden Antworten gegeben. Das weckt das Interesse des Re­zi­pi­en­ten und bindet ihn über den gesamten Span­nungs­bo­gen bis zum Happy End.

Wie lässt sich Sto­rytel­ling im Online- und Content-Marketing anwenden?

Sto­rytel­ling in Social-Media-, Online- und Content-Marketing funk­tio­niert nach den Grund­prin­zi­pi­en guten Contents und kann von jedem Un­ter­neh­men betrieben werden. An erster Stelle sollte nicht die Aus­ar­bei­tung einer x-be­lie­bi­gem Ge­schich­te stehen, die nur um des Erzählens willen geteilt wird. Wichtiger ist es, dass Sie sich die Botschaft der Story vorab überlegen: Was wollen Sie mit der Ge­schich­te überhaupt aussagen und wie soll diese Ihre Re­zi­pi­en­ten erreichen? Wollen Sie die Grün­dungs­ge­schich­te Ihres Un­ter­neh­mens erzählen? Wollen Sie In­no­va­tio­nen oder den Nutzen eines Produkts in Form einer Er­folgs­sto­ry erzählen? Was soll der Rezipient schließ­lich aus der Story mitnehmen? An nächster Stelle steht die Frage nach dem idealen Medium: Fragen Sie sich, wie Sie mit Ihrer Story die Adres­sa­ten am besten erreichen und mit welchem Medium Sie die Story am besten erzählen können. Die Ge­schich­te eines zu­frie­de­nen Kunden bei­spiels­wei­se ließe sich sowohl in Textform als auch als Videospot kom­mu­ni­zie­ren – aber mit welchem Medium erzielt man den ge­wünsch­ten emo­tio­na­len Effekt am ehesten? Welches Medium stützt die Botschaft am besten? Die Ent­schei­dung zugunsten dieser oder jener medialen Prä­sen­ta­ti­on ist zugleich eine prag­ma­ti­sche: Sollen bei­spiels­wei­se re­gel­mä­ßig und fort­lau­fend neue Storys prä­sen­tiert werden, sind Texte leichter und kos­ten­güns­ti­ger zu erstellen. Ein Blog mit aktuellen Storys wäre die logische Kon­se­quenz. Spannende Filme und auf­wen­di­ge Spots hingegen haben an­ge­sichts des mul­ti­me­dia­len Über­an­ge­bots im Web eher das Potenzial, schnell Auf­merk­sam­keit zu erzeugen. Damit ist direkt der nächste Punkt an­ge­spro­chen: Auf­merk­sam­keit und das virale Teilen der Ge­schich­ten muss das Ziel jeder Sto­rytel­ling-Marketing-Kampagne sein. Es geht darum, eine Ge­schich­te zu erzählen, die ihre Adres­sa­ten so bewegt, dass diese sie gerne mit Freunden und Ver­wand­ten teilen und so ei­gen­stän­dig wei­ter­ver­brei­ten. In unserem Ratgeber erklärt On­line­mar­ke­ting-Experte Felix Beilharz, welche Zutaten in vielen Fällen sehr gut für ein virales Teilen funk­tio­niert haben, z. B. starke Emotionen wie Trauer, Angst, Freude oder Liebe. Hier schließt sich der Kreis: Diese Gefühle können Ge­schich­ten be­kannt­lich weit besser wecken als trockene Fakten und Da­ten­blät­ter. Indem man sich an so­ge­nann­te In­fluen­cer wendet, kann die virale Ver­brei­tung der Story zu­sätz­lich be­schleu­nigt werden – vor­aus­ge­setzt natürlich, die Inhalte sind so hoch­wer­tig, dass sie Blogger und andere tat­säch­lich über­zeu­gen. Hierbei gilt es zunächst, die richtigen Platt­for­men abseits der fir­men­ei­ge­nen Kanäle zu finden, auf denen der Content die meisten Nutzer erreicht. Das können bei­spiels­wei­se Blogs oder Fach­por­ta­le zu Spe­zi­al­the­men sein, die eine große the­ma­ti­sche Über­schnei­dung zu dem Un­ter­neh­men, den Produkten oder der Story haben.

Sto­rytel­ling: Best-Practice-Beispiele

Wie aber sieht eine gute Story aus, wenn Sie fertig ist? Zwar gibt es kein Pa­tent­re­zept, nach dem Sto­rytel­ling in Un­ter­neh­men und deren Praxis funk­tio­niert, sehr wohl aber einige überaus er­folg­rei­che Best-Practice-Beispiele. Diese können In­spi­ra­ti­on für eigene Vorhaben liefern und zeigen, worauf es ankommt. Besonders gut lässt sich der Erfolg einer Sto­rytel­ling-Methode an YouTube-Videos und den da­zu­ge­hö­ri­gen Views ableiten – vier Beispiele aus un­ter­schied­li­chen Branchen mit un­ter­schied­li­chen Ziel­grup­pen:

Always: #likeagirl

Das erste Beispiel für er­folg­rei­ches Sto­rytel­ling im Marketing ist ebenso un­kon­ven­tio­nell wie genial: Im Zentrum der Kampagne steht weder das Produkt noch das Un­ter­neh­men Always. Vielmehr geht es um eine Idee, ein Statement und eine Erfahrung, mit der sich ein Großteil des Publikums iden­ti­fi­zie­ren kann – wie sich an diesem und den folgenden Bei­spie­len zeigen wird, eine es­sen­zi­el­le Strategie des er­folg­rei­chen Sto­rytel­lings.

Das Video beginnt mit der Frage: „Was bedeutet es, ein Mädchen zu sein?“ Sogleich sollen die befragten Menschen – vor­wie­gend Er­wach­se­ne beider Ge­schlech­ter und Jungen – rennen, werfen und kämpfen wie ein Mädchen („like a girl“). Alle stellen sich un­be­hol­fen an. An­schlie­ßend werden jungen Mädchen die gleichen Aufgaben gestellt: Sie alle geben ihr Bestes, sind er­folg­reich, voll­füh­ren perfekte Wurf-Gesten und laufen motiviert. Auf die Frage: „Was bedeutet es für dich, zu laufen wie ein Mädchen?“ erwidert ein Mädchen: „Laufen, so schnell du kannst“.

Die an­schlie­ßen­de als Zwi­schen­ti­tel ein­ge­blen­de­te Frage: „Wann ist, etwas wie ein Mädchen zu tun, eine Be­lei­di­gung geworden?“ markiert den Wen­de­punkt und ruft nicht nur die Befragten im Video, sondern auch die Zuschauer zum Hin­ter­fra­gen eigener Vor­ur­tei­le auf. Die Botschaft der Story wird im Folgenden deutlich. Zwei weitere Zwi­schen­ti­tel erklären: „Das Selbst­ver­trau­en eines Mädchens stürzt während der Pubertät ab“ und: „Always will das ändern“. Erst hier wird die Brand genannt. Nicht in erster Linie, um für ein be­stimm­tes Produkt oder die Marke selbst zu werben, sondern für die Idee, für den Wandel und ein fort­schritt­li­che­res Frauen- bzw. Mäd­chen­bild in der Ge­sell­schaft.

Dieser Einsatz des Un­ter­neh­mens für ein starkes Mädchen- und Frau­en­bild sowie für Auf­klä­rung in der Pubertät wirkt sich als indirekte Wer­be­bot­schaft natürlich umso deut­li­cher aus: Schon jetzt wurde das Video über 63 Millionen Mal angesehen und über 240.000 Mal geliked. Ein kurzer Rückbezug zu den eingangs ge­schil­der­ten Faktoren für gutes Sto­rytel­ling zeigt, wieso das in diesem Fall möglich ist: Eine starke Botschaft steht im Zentrum der Story. Die Figuren voll­zie­hen eine Ent­wick­lung, re­flek­tie­ren ihre Ein­stel­lung, und die Zuschauer werden emotional ein­ge­bun­den. Die Kom­men­ta­re belegen, dass die Botschaft an­ge­kom­men ist und die Story ein hohes Maß an Iden­ti­fi­ka­ti­ons­mög­lich­kei­ten bietet. Damit sind die Weichen für eine virale Ver­brei­tung des Contents gestellt.

Der Hornbach-Hammer

Ein weiteres Beispiel für gutes Sto­rytel­ling ist die Hammer-Kampagne der Bau­markt­ket­te Hornbach. Hier geht es zwar um ein konkretes Produkt, al­ler­dings gerät dieses zugunsten seines sym­bo­li­schen Gehalts in den Hin­ter­grund.

Der Film zeigt die Ent­ste­hungs­ge­schich­te eines Hammers – so weit, so un­spek­ta­ku­lär. Der Clou ist, dass dafür aus­ge­rech­net ein Panzer zerlegt und ein­ge­schmol­zen wird. Aus einer Pro­dukt­wer­bung wird somit plötzlich eine An­ti­kriegs­bot­schaft: Panzer ein­schmel­zen und daraus Hämmer her­stel­len. Die Funktion des Stahls wird also umgekehrt: Mit dem Hammer kann man einen Schuppen, ein Baumhaus für die Kinder oder ein Eigenheim zimmern – und tut damit das genaue Gegenteil von dem, was der Panzer anrichtet.

Der beworbene Hammer war nur limitiert verfügbar, dem­entspre­chend kann nicht jeder Hammer bei Hornbach aus diesem Stahl bestehen – das weiß das Publikum und das wissen die Macher. Es geht aber gar nicht darum, ihn in Mas­sen­fer­ti­gung in die Baumärkte zu bringen. Sein un­ver­wüst­li­cher Charakter aus Pan­zer­stahl, sozusagen der Unique Selling Point, wird in An­be­tracht der sym­bo­lisch kom­mu­ni­zier­ten Botschaft der Ge­schich­te sekundär. Trotzdem spielt er eine lang­fris­tig Rolle: Er wird über Jahre und Jahr­zehn­te an seine Ent­ste­hungs­ge­schich­te erinnern, viel­leicht sogar vererbt werden und trotzdem noch seine Zwecke erfüllen. Das bindet die Besitzer lang­fris­tig an die Brand.

Patek Philippe: „Ge­ne­ra­tio­nen“

Genau dieses Ziel hat sich der Schweizer Lu­xus­uh­ren­her­stel­ler Patek Philippe mit der Sto­rytel­ling-Kampagne „Ge­ne­ra­tio­nen“ gesetzt. Die Uhren der Firma sind so exklusiv, dass es schwierig ist, mit Pro­dukt­wer­bung ein größeres Publikum zu erreichen: Die Marke ist nur einem kleinen Kreis von In­ter­es­sen­ten bekannt, noch weniger können sich eine solche Uhr überhaupt leisten. Statt­des­sen versucht das Un­ter­neh­men, diese exklusive Ziel­grup­pe emotional zu erreichen. Die Lösung: Die Story wirbt überhaupt nicht mit den au­gen­schein­li­chen Features einer solchen Uhr, die der Ziel­grup­pe ohnehin bekannt sind.

Statt­des­sen rückt der Film Werte wie Familie, Tradition und Kos­mo­po­li­tis­mus in den Vor­der­grund, aktiviert damit die Ideale der Ziel­grup­pe und un­ter­streicht den Un­ter­neh­mens-Claim: „You never actually own a Patek Philippe. You merely look after it for the next ge­ne­ra­ti­on („Ei­gent­lich besitzt du eine Patek Philippe niemals. Du bewahrst sie nur für die nächste Ge­ne­ra­ti­on auf“). Der Claim an sich erzählt bereits eine Story, an die die Re­zi­pi­en­ten beliebig anknüpfen können. Im Film werden Eltern mit ihren Kindern rund um den Globus in privaten und be­ruf­li­chen Umfeldern gezeigt – immer mit har­mo­ni­schen Gesten: Wenn ein Vater mit seinem Sohn an einem See in die Ferne blickt, schauen sie einer Zukunft entgegen, in der der Sohn den Platz des Vaters einnehmen wird.

In der Story geht es daher nicht um Uhren, sondern um Visionen, Tra­di­tio­nen und um das Erbe einer Ge­ne­ra­ti­on. Das Produkt Arm­band­uhr wird in An­be­tracht dieser Szenen zu einem my­thi­schen Symbol für Zeit­lo­sig­keit: Die Werte der vorigen Ge­ne­ra­ti­on leben mit der folgenden weiter. Die Uhr tickt sinn­bild­lich weiter. Das weckt starke Emotionen und bezieht das Publikum ein: Das Video schließt mit dem Appell: „Start your own Tradition“ („Beginne deine eigenen Tradition“).

So kann dieser Spot auch bewusst von den anderen Sto­rytel­ling-Bei­spie­len abweichen und mehrere Storys an­ein­an­der­rei­hen. Da jede für sich genommen ab­ge­schlos­sen ist und die vorigen Teil­ge­schich­ten in ihrer Botschaft bestätigt, funk­tio­niert der Film in der Kürze der Zeit trotzdem. Mehr noch: Der Message wird eine weltweite Gül­tig­keit zu­ge­spro­chen. Der Zuschauer bekommt das positive Gefühl, dass Tra­di­tio­nen überall und von jedem begonnen werden können. Das macht die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem Spot und seiner Botschaft leichter – und das trotz der Ex­klu­si­vi­tät der Ziel­grup­pe.

Red Bull: „Red Bull Stratos“

Es gibt nur wenige Ge­schich­ten, die stärker mo­ti­vie­ren als Rekorde und sport­li­che Best­leis­tun­gen. Weltweit fiebern Menschen mit ihren Lieb­ling­s­ath­le­ten mit, begleiten sie durch Höhen und Tiefen. Eine starke emo­tio­na­le An­teil­nah­me ist damit gegeben – ein Umstand, den sich der ös­ter­rei­chi­sche Ge­trän­ke­her­stel­ler Red Bull in be­son­de­rem Maß für sein Sto­rytel­ling zunutze macht. Mit dem Projekt „Red Bull Stratos“ werden die Grenzen des Sto­rytel­lings sogar erweitert: Das Publikum wird Zeuge eines au­then­ti­schen Welt­re­kords und einer bis dato ein­ma­li­gen Leistung – einem Stra­to­sphä­ren­sprung mit dem Fall­schirm aus einer Höhe von über 38.000 Metern.

Der Welt­re­kord-Sprung von Felix Baum­gart­ner im Herbst 2012 zog ein welt­wei­tes Publikum sofort in den Bann. Berichte gingen rund um den Globus durch die Medien und erzeugten eine enorme Auf­merk­sam­keit. Auch bei dieser Story steht weder die Brand noch das Un­ter­neh­men im Fokus – und doch ist der Re­kord­sprung un­wi­der­ruf­lich mit dem Namen Red Bull verbunden. Denn das En­ga­ge­ment des Un­ter­neh­mens bleibt positiv und hoch­emo­tio­nal in Er­in­ne­rung: Zum der­zei­ti­gen Zeitpunkt sahen allein das High­lights-Video auf YouTube mehr als 41 Millionen Menschen.

Das Projekt „Red Bull Stratos“ ist darüber hinaus in vielerlei Hinsicht ein Sto­rytel­ling-Ge­nie­streich: Für den er­zäh­le­ri­schen Span­nungs­bo­gen musste noch nicht einmal eine Story ge­schrie­ben werden. Die Idee für den Sprung aus der Stra­to­sphä­re reichte aus: Wind und Wetter sowie das wag­hal­si­ge Vorhaben von Base-Jumper Felix Baum­gart­ner an sich schrieben die Ge­schich­te von selbst. Die Idee ver­brei­te­te sich viral wie ein Lauffeuer: Weltweit schrieben Me­di­en­be­rich­te und Posts in sozialen Netz­wer­ken die Ge­schich­te weiter und sorgten schon im Vorfeld für ein Maximum an Spannung.

Der Erfolg des Ex­trem­sport­lers rundet die Story mit einem be­ein­dru­cken­den Happy End ab – das alles ohne Drehbuch. Statt­des­sen nimmt die Ge­schich­te do­ku­men­ta­ri­sche Züge an und ist so an Au­then­ti­zi­tät kaum zu über­tref­fen. Zudem muss kaum erwähnt werden, dass der as­so­zia­ti­ve Weg vom Stra­to­sphä­ren­sprung zum Red-Bull-Claim denkbar kurz ist: „Red Bull verleiht Flügel“.

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